1959 - 1980
Eine neue Lebensaufgabe: Der „Kritische
Kalender“
Für das Jahr 1959 gab Weber einen Abreißkalender heraus,
der den Titel „Kritischer Kalender. 12 Federzeichnungen von A. Paul
Weber“ trug. Wieder zeigte sich das Bestreben des Künstlers, seine
Zeichnungen dem „öffentlichen“ Buch oder Kalender und damit der
Vervielfältigung anzuvertrauen, andererseits sich auch den Zwängen
einer solchen Publikationsform unterzuordnen. Sein Werdegang als
Buchillustrator wirkte hier prägend; Weber hat zeitlebens die Nähe
zum Buch nie aufgegeben.
Den Zeichnungen waren kurze Verse von Heine, Lichtenberg, Keller,
Lessing, Schiller und Goethe beigefügt. Ein zweiseitiges Nachwort
schrieb Peter Rühmkorf: „Der Zeichner A. Paul Weber ist in diesem
Jahr 65 geworden, ein Alter, von dem man gemeinhin annimmt, daß der
Mensch der Geruhsamkeit zuneige und mit der knochenweichen
Versöhnlichkeit auf Du-und-du stehe - ... diesem Manne gefiel es
nicht, die Barrikade mit dem Altersteil zu vertauschen.“
Noch konnte niemand ahnen, daß dieser Kalender zum Zentrum von
Webers Spätwerk werden sollte. Erst sein Tod setzte nach 23
Jahrgängen auch dem Erscheinen des „Kritischen Kalenders“ ein Ende.
Rühmkorf fuhr ironisch fort: „ ... leicht ist es und verdienstvoll,
den Störenfried abzutun und, da er seinen Mantel nicht nach der Mode
hängt, ihn als unmodern zu diskreditieren. Im übrigen: wir
verstehen, was gemeint ist - wie öde! ... Verzerrungen? Sicher! Aber
nicht auf den lustigen Witz zu, zum spaßigen Ulk, auch nicht zur
Eintagskarikatur, sondern zum bissig bloßstellenden, zum anstößigen
Sinn- und Sittenbild. ... Es ist nun nicht so, daß der Satiriker
Weber immer und ständig Großgeld münzte, auch in Kleinigkeiten sieht
er Wichtiges, und da er im Alltag heimisch ist und mit den trivialen
Ärgernissen vertraut, justiert er das schielende Auge der
Gerechtigkeit auch dort, wo nicht gerad unsere größten Dinge
verhandelt werden. Reibt sich oft, intensiv und mit Lust, an den
kleinen Peinigern der Menschheit, selbstherrlichen Beamten,
gerissenen Ärzten, am Recht schmarotzenden Advokaten. Mag man dies
vielleicht noch als Zwacken empfinden, erschüttert aber ist man, wo
Weber unsere entscheidenden Themen zu Protest bringt; wo es nicht
mehr um powere Quälgeister sondern um Weltplagen geht: Atombombe,
Raketen, Strahlungsschäden, Mutationen, um Sein oder Krieg, um
Abrüstung oder Auslöschung.“
„Das Gericht“ (Abb. 317) versah Weber mit dem Untertitel „Erlöse uns
von dem Bösen“. Rühmkorf, den Atomkriegsgegner, faszinierte vor
allem dieses Blatt: „ ... eine Rakete wird guillotiniert, und
jenseits aller Umschreibung, Erläuterung, Aufforderung wird ein
Gesetz des Handelns ohne Umschweif suggeriert. Nicht mehr von ‘Wollt
ihr, daß ...’ oder ‘Wir müssen verhindern, daß ...’ und ‘Wenn wir
nicht ...’, also nicht das abstrakte Pathos des Bühnenredners und
die leitartikelnde Bekehrungssucht des heilspredigenden
Nichtkünstlers, sondern die homogene Vision, Bild und Sinnbild
gleichermaßen. Welch toller Einfall ist dies: ein Projektil
hinrichten zu lassen von einer anderen Mordmaschine - und wie
originell einfach, wie schlagend simpel und von geradezu zwingender
Bildlogik die Vorstellung, daß der Raketenkopf dem Schrägmesser
ausgeliefert wird. ... Eine Wunschvorstellung? Vielleicht! Aber eine
von direkter Überzeugungskraft.“
Der Abreißkalender wurde von Weber in 500 Exemplaren im Eigenverlag
herausgebracht und bei der Bergedorfer Buchdruckerei gedruckt, die
auch den Lichtwark-Kalender hergestellt hatte. Der erste Jahrgang
des „Kritischen Kalenders“ war in der Bildauswahl nahezu identisch
mit dem Kalendarium des Lichtwark-Kalenders aus dem gleichen Jahr.
Während die gesellschftskritischen Motive dort bei dem an heitere
Tierbilder gewöhnten Publikum auf Ablehnung stießen, war der
„Kritische Kalender“ ein großer Erfolg. Weber schrieb am 17.1.1959
ebenso stolz wie bescheiden an Marianne König: „Ich lege hier den
kritischen Kalender bei - ich ließ ihn in der Nachfolge des
Bergedorfer Lichtwarkkalenders in kleiner Auflage drucken - Sie
wissen doch selbst von dieser Lust - so etwas den Verleger zu
spielen. ... und es liegt das alles auf der Linie - sich mit seiner
Arbeit weiter zu behaupten - daß man dann selbst die notwendigen
Schritte tut. - Natürlich schob mich der Drucker in Wertschätzung
der Kunst - als allerkleinsten Kunden auf der langen Bank ganz ganz
nach hinten und erst nach Neujahr hatte er Zeit - mit dem Druck zu
beginnen! - Ich weiß - diese 12 Blatt sind gewiß nicht erschütternd
und die Mängel - auch in Form und Material - werden bei dem 2.
Kritischen Kalender behoben und ich will - wenn es irgend möglich
ist - schon im Sommer mit 52 Themen auf dem Plan sein - Wenn dann
die Arbeit getan und etwas zu sehen ist - vielleicht hat dann doch
ein Verleger die Nase und nimmt mir das Risiko - die nachfolgende
Arbeit ab - wenn schon immer Geschäfte mit der Kunst gemacht werden
müssen - ich glaube nach den Erfahrungen des letzten Jahres - auch
mit APW wäre Geld zu verdienen.“
Tatsächlich fand sich für den nächsten Jahrgang des „Kritischen
Kalenders“ der Frankfurter Verlag Bärmeier & Nikel zur Herausgabe
bereit. Das Konzept wurde geändert: Statt der Abreißblätter gab es
ein fest gebundenes Büchlein zum Aufhängen, aus dessen Einband unten
ein perforiertes Kalendarium herausragte. Auf dem ersten Blatt war
zu lesen: „Gleichzeitig Buch und Kalender. Dieser Kalender bleibt
über seinen Gebrauchswert hinaus auch als Sammelobjekt interessant:
nach Abtrennung des monatlichen Kalendariums behalten Sie am Ende
des Jahres ein vollständiges Buch für Ihre Bibliothek!“
Der für 6,80 DM preiswerte Band fand in der Presse ein begeistertes
Echo und war wie der erste in Kürze vergriffen. Neben Webers Namen
war auf dem Titel der seines Freundes Hermann Mostar zu lesen, der
es übernommen hatte, die Bilder des Kalenders mit - wie er es selbst
nannte - „Knüppel-Versen“ zu begleiten. Das vielbeachtete Blatt „Das
Gericht“ wurde für den Monat Dezember erneut - diesmal in einer
seitenverkehrten Fassung - abgedruckt und Mostar dichtete: „ ... Ein
leichtes Spiel ist’s also nicht, / Das Volksstück vom Atomgericht, /
Doch weil’s von dumpfer Angst befreit, / Ist’s für die Christ- und
Neujahrszeit / Ein gutes Memorandum: / Wenn’s denn das deutsche
Wesen ist, / An dem die Welt genesen müßt, / so kommt der Weise zu
dem Schluß, / Daß er erst selbst genesen muß -- / Quod erat
demonstrandum.“
Weber hatte bereits daran gedacht, die Zahl der Abbildungen zu
erhöhen. Am 29.9.1959 schrieb er an Marianne Waechter: „Ich hätte
doch alle Fragen mit dem Kritischen Kalender mit Ihnen durchsprechen
müssen! Nun wird es wieder spät - aber irgendwie möchte ich doch
wieder mit ihm da sein - vielleicht wieder einfach mit 12 Blatt -
höchstens 24 - daß wir alle 14 Tage das Thema wechseln. - Er darf ja
nicht so teuer werden und wer beantwortet die Frage - wie hoch die
2.Auflage sein kann? 1000 Stück - wohl nicht mehr?“ Und am
17.1.1960: „Von Jahr zu Jahr werde ich immer mehr zum Kalendermann.“
Für das Jahr 1961 wurde das Kalendarium auf die den Abbildungen
gegenüberliegenden Textseiten gedruckt. Schon am 15.1.1960 schrieb
der mit Weber gut bekannte Vorsitzende des Mannheimer Kunstvereins
Wilhelm Bergdolt an den Künstler: „Bei dem kritischen Kalender für
1960 habe ich übrigens das Bedenken, ob dieser jemals als Kalender
verwandt wird und an die Wand gehängt wird, ich hätte ihn gleich als
Kalenderbuch herausgegeben, das wäre wesentlich einfacher gewesen.“
Wieder wurden die Bilder von satirischen Versen Mostars - diesmal
auf leuchtend roten Seiten - begleitet, deren „roter Faden“ nun die
Kunstfigur des „Herrn Deutschmann“ war. Zu dem Blatt „Das große
Fest“ (Abb. 318), in dem sich Weber über die massenhafte Verleihung
von Bundesverdienstkreuzen an „Bücklinge“ lustig machte, dichtete
Mostar: Herr Deutschmann hat auch einen Orden, / Der ist sehr
populär geworden, / Denn man verteilt ihn reichlich: / Wer tadellos
den Bückling macht, / bekommt ihn unausweichlich ... Drum ziert er
meist den vollen Bauch, / Wer gut verdient, verdient ihn auch / Und
ist der Herr im Lande, / Denn wer das Volk am Bande hat, / Der
kriegt ihn auch am Bande!“
„Die Welt“ schrieb am 20.12.1960: „Hier hagelt es Hiebe ... Auch ein
Kalender - aber wir fürchten: nicht für jene, die es eigentlich
angeht.“
1962 erschien der „Kritische Kalender“ in seiner endgültigen Form
als Kalenderbuch, die bis zum Jahrgang 1981, der letzten von Weber
kurz vor seinem Tod geschaffenenen Ausgabe, beibehalten wurde. Der
Umfang war erheblich erweitert worden: Der Künstler stellte von nun
an jährlich 27 seiner Lithographien - zunehmend aus der aktuellen
Produktion - im Kalender vor. Hinzu kam am Ende des Bandes ein Foto
aus seinem Lebens- oder Arbeitsbereich. Weber schrieb am 25.12.1962
an Werner Kreie: „Hier nun setzt die Mitarbeit der Freunde ein und
die Warnung: jedes Jahr 27 gute neue Themen zu finden - sei eine zu
große Bindung und der Stoff könnte mir ausgehen - überhaupt sei das
im voraus Festgelegte gefährlich für die Qualität. Ich glaube aber -
daß die Fragen und ihre Lösung mit der Bildzeichnung so wie so bei
mir empor drängen - daß ich mit Gewalt - oder unter Qualen nicht zu
schaffen brauchte - daß auch immer allerlei Stoff - wie Themen zur
Verfügung stehen ... Ich bin jetzt schon gelassener - denn außer
Zustimmung setzt es auch radikale Ablehnung - Verdrehung etc - daran
müßte ich mich erst gewöhnen.“
Auch eines der seltenen Selbstbildnisse war im 1962er Kalender
erhalten: „Nach Mitternacht“ (Abb. 318) zeigte den am Arbeitstisch
über dem Lithostein eingeschlafenen Künstler im hellen Licht der
Schreibtischlampe. Weber zog bei den im „Kritischen Kalender“
veröffentlichten Graphiken alle Register seines vielseitigen
technischen Könnens, von der mit sparsamen Linien skizzierten
Federzeichnung bis hin zur dunklen Lithographie, die sich - wie hier
- durch breite Striche der weichen Lithokreide oder satte
Tuscheaufträge auszeichnet. Neben dem fein ziselierenden Strich der
penibel geführten Feder trat mehr und mehr eine großzügigere
Arbeitsweise mit grober Rohrfeder oder Pinsel .
Die Verlagstätigkeiten nahm er nach zwei Jahrgängen wieder selbst in
die Hand, da es Unstimmigkeiten mit dem Verlag gegeben hatte. Auf
der Vorsatzseite prangte nun der Schriftzug „Clan Presse Verlag“.
Gedruckt wurde bei der Druckerei Caspaul in Hannover, die
Buchhandlung Asmus Boysen in Hamburg übernahm den Vertrieb an den
Buchhandel.(Anm. 01) Damit übernahm Weber aber auch wieder die
finanziellen Risiken eines solchen Projektes. Das Kalendarium wurde
kleiner und unauffälliger - letztlich unbedeutend. Die Funktion als
Kalender war lediglich ein Alibi für ein Jahrbuch mit den besten
Graphiken des vorangegangenen Jahres. Auf die Gedichte mußte wegen
einer Erkrankung Mostars verzichtet werden. Als begleitende Texte
wählte Weber nun Zitate aus Literatur und Weltgeschehen von Lao Tse
bis Dürrenmatt. Oft ließ er sich dabei von Freunden - wie z.B. von
Otto Steckhan - beraten oder erbat, wie z.B. von dem Historiker und
Hobbydichter Rudolf Ibbeken, Beiträge eigens zu den Bildern. So
reimte dieser zu einem Blatt mit einer alten Jungfer, die sich von
Neugier getrieben weit aus dem Fenster lehnt (Abb. 320): „Und wenn
sie auch stürzte! - Die Stunde ist nah! / Was sie tausendmal hörte /
Und niemals sah / ... / Sie hängt in die Tiefe - / Oh seliges
Hoffen, / Oh Nacht der Erfüllung: / Das Fenster steht offen!“
Am 27.12.1969 berichtete Weber dem Goslarer Rechtsanwalt und
Übersetzer Walter Hörstel: „Neben der Arbeit an den Lithos zu den
Kalendern bin ich doch immer auf Jagd nach guten Texten -
demzufolge: wenn ich vom Stein weg in die Feder wirke - lese und
lese ich - vermutlich wesentlich mehr als sonst ohne Kalender und
das auf vielen Gebieten.“
Die Arbeit am Kalender - gerade in der Verbindung mit der Suche nach
den treffendsten Textpassagen - war für Weber bis ins höchste Alter
immer neuer Ansporn, sich mit aktuellen Geschehnissen
auseinanderzusetzen.
„Ich habe mir’s schon gedacht, was der Kalender - wenn die
Fertigstellung so einigermaßen geklappt hat - für Arbeit für Zeit
und Mühe verschlingen wird. Auch wie der Buchhandel erst bearbeitet
werden muß - das ist alles so ein Umstand und die Abwicklung so
verzwickt - jetzt habe ich endlich im Text und Satz eine Anzeige
fürs Buchhändler-Börsenblatt fertig - auch ein Plakat ist in
Vorbereitung und zu allem müssen die Fach-leute - die „Experten“
ihren Senff meckern ...“(Anm. 02)
Für den „Kritischen Kalender 1963“ reichten aufgrund der regen
Nachfrage die 5.000 Exemplare nicht aus - Weber ließ weitere 4.000
nachdrucken. Auch über den Verkauf machte er sich Gedanken. „Jetzt
wird nun der 2. Teil des KK 64 angehen, der Vertrieb - das
An-den-Mann-bringen. Nun suchen wir - das ist viel einfacher -
rührige Unternehmer - die für ihre guten Freunde gleich 1.000 Stück
(noch zu vollem Preis) bestellen.“(Anm. 03) Tatsächlich hatte 1962
z.B. die Gewerkschaft Chemie-Papier-Keramik 1.000 Exemplare fest
abgenommen. Für eine Lieferung von 500 Stück an die Nassauischen
Heimstätten fuhr Weber persönlich nach Frankfurt. Die finanziellen
Erfolge taten dem Künstler gut. Er schrieb am 28.12.1963 an Marianne
Waechter: „Was mir Freude macht - (wenn ich davon reden darf) - im
‘Herzen’ wächst eine größere Freiheit - Sicherheit - sodaß ich
leichter - auch unbekümmerter die Bilder hinschreiben kann.“
Um sich einen Stammkundenkreis aufzubauen, verschenkte Weber
zahlreiche Exemplare. Vielen Freunden und Bekannten legte er eine
kleine Graphik in den Kalender ein. Hierbei gab es mehrere
Kategorien: Für enge Freunde wurde eine Feder- oder
Filzstiftzeichnung angefertigt, Bekannte erhielten eine eigens dafür
im Format des Kalenders geschaffene Lithographie, meist mit einem
heiteren Motiv. Im Einzelfall wurden diese Blätter noch koloriert.
„Ich habe im Format des KK immer schöne Papiere liegen und für die
Freunde zur Freude - mir zur Übung fasse ich die kleinen Skizzen
an.“(Anm. 04)
Etwa 100 Beilagen entstanden alljährlich und Weber bemühte sich
dabei stets um neue Motive. „Ich werde nun in der kommenden Woche
darangehen - die 100 Einlageblätter - also schöne neue Themen aufs
Papier zu zaubern. Ein bissel Bange habe ich immer dabei - daß ich
mich nicht wiederholen werde.“(Anm. 05)
Zur Werbung für den „Kritischen Kalender“ ließ er Prospekte und
sogar Plakate drucken. Er gab zur Jahreswende 1963/64 den Auftrag,
225 großformatige Plakate in Hamburgs U- und S-Bahnen zu kleben, um
die große Presseresonanz auf seinen 70. Geburtstag zu nutzen.
Obgleich er durch die Mitarbeit am „Deutschen Volkskalender
Nordschleswig“ wußte, welch termingerechte Arbeit das Medium
Kalender verlangte und sich auch an anderen, ähnlichen Projekten
zusätzlich beteiligte (z.B. „Der kleine Freudenbringer“ von 1957 bis
1979, „Die Tide“ von 1954 bis 1964 oder der „Kleine Kunstkalender
der Arbeiterwohlfahrt“, der 1955-1959 in jeweils 100.000 Exemplaren
erschien), mag ihn der Termindruck, jedes Jahr erneut mit einem
solch umfangreichen Druckwerk wie dem „Kritischen Kalender“ zu
erscheinen, belastet haben. Andererseits war es für ihn eine Freude,
jährlich neue Anhänger seiner Kunst hinzugewinnen zu können.
Besonders junge Leute, bei denen Weber in dieser Zeit so großen
Anklang fand und die noch nicht über die finanziellen Mittel zum
Erwerb von Original-Graphik verfügten, konnten sich den nunmehr 9,80
DM preiswerten Kalender leisten. „Von außen mag es aussehen - ich
hätte mir mit dem Kritischen Kalender eine schwere Last -
unbarmherzig drängende Pflicht aufgebürdet doch dem ist nicht so -
Denn: zutiefst folge ich einem Verlangen - und ich bin schon sehr
froh - wenn ich schaffend über meinen Steinen sitzen kann. Ich muß
mich immer mit recht lebendigen Fragen auseinandersetzen - ich suche
mit Lust Formulierungen - Gedanken - Umsetzungen in Bilder ...“(Anm.
06)
Trotz aller Euphorie wurde die rein organisatorische Verlagsarbeit
an den Kalendern für den kaufmännisch vollkommen überforderten
Künstler zunehmend problematischer. Die hohen Auflagen der Kalender
- in den 60er Jahren ca. 5.000 Stück jährlich, in den 70er Jahren
wurden 10.000 Exemplare pro Jahr gedruckt - fanden in diesen Mengen
keinen Absatz. So stapelten sich unverkaufte Exemplare
kubikmeterweise im feuchten Keller des Groß-Schretstakener Hauses.
Die Gesamtmenge der hergestellten „Kritischen Kalender“ dürfte bei
über 170.000 Stück gelegen haben. Dabei kamen jährliche Aufwendungen
von 30.000 - 40.000 DM auf Weber zu.
Otto Steckhan berichtete er am 20.12.1963: „In der Krit. Kal.-Arbeit
kommen wir gut voran - nur muß ich mir einen Steuerberater noch
nehmen - ich arbeite eigentlich zum weitaus größten Teil nur - um
diese Nachzahlungen und Vorauszahlungen leisten zu können - da ist
der Wurm drin. Wäre ich doch so’n Negerfürst und säße weit fort im
Urwald - brächte Lübke mir die notwendige Hilfe von allein.“ Und am
7.10.1964 auf eine Einladung zum Besuch: „Durch die Druckkosten des
KK 64 bin ich so arm geworden - stecke so tief in Schulden - daß ich
vorziehe - hübsch fleißig zu arbeiten - hier daheim.“
Durch die Rezensionen und Berichte über den Kalender, der nicht
zuletzt wegen seiner ungewöhnlichen Art begeisterte Kritiken auf
sich häufte, erlebte die Verbreitung der Weberschen Graphiken eine
neue, bislang unerreichte Dimension. Die Resonanz beim Publikum
wuchs dementsprechend an: Bestellungen waren zu erledigen,
alljährlich Werbeprospekte zu entwerfen und zu drucken, Anzeigen zu
schalten, Rezensionsexemplare zu versenden, lobende und kritische
Briefe zu beantworten. Weber beschäftigte nun die Hamburgerin
Katharina Hoffmann als eine Art Sekretärin. Er schrieb am 30.9.1963
an Otto Steckhan: „Die Post ist durch den Kalender auf ganzer Breite
so angewachsen - daß meine Frau Katharina Hoffmann alles erledigt -
mitunter auch die halb- oder rein private.“
Katharina Hoffmann beantwortete am 9.1.1965 ein Schreiben wie folgt:
„Da Herr Weber selbst Ihnen schreiben wollte, ist Ihrem Brief vom
16.12. das nicht unübliche Schicksal unserer Post zuteil geworden,
unter die Lithographien zu geraten. Ein holder Zufall hat Ihren
Brief gerade noch rechtzeitig wieder ‘nach oben’ befördert, um Ihnen
für den Weber-Abend eine Preisliste zu schicken ...“
Zahlreiche Wünsche und Vorschläge wurden an den Künstler
herangetragen. Der durch die Fernsehsendung „Ein Platz für Tiere“
berühmt gewordene Frankfurter Zoodirektor Prof. Bernhard Grzimek
äußerte am 9.1.1962 eine ungewöhnliche Bitte: „Ich gehöre zu Ihren
stillen Verehrern, habe Radierungen [gemeint sind Lithographien] von
Ihnen in der Wohnung hängen und drucke neuerdings gelegentlich
welche in unserer Zeitschrift „Das Tier“ ab. Wir verschicken vom
Frankfurter Zoologischen Garten aus jedes Jahr nicht Weihnachts- und
Neujahrsgratulationen, sondern welche zu Ostern. Dabei bemühe ich
mich stets, sie etwas origineller zu machen. In diesem Jahr hätte
ich gern eine Darstellung, die etwa das Thema wiedergibt, welches
Professor Gerolf Steiner auf der anliegenden Karte selbst gezeichnet
hat. Es soll zeigen, daß der Mensch auf Erden sich gegenseitig
umbringt, daß es also Tötung innerhalb derselben Art gibt, während
das bei Tieren durchaus unüblich ist.“
Weber lernte Grzimek wenig später persönlich kennen und nahm sein
Angebot an. Zunächst waren Handabzüge des Motivs „Die Herren der
Schöpfung“ (Abb. 321) geplant, wegen der hohen Auflage von 3.000 -
4.000 Stück wurden die Grußkarten jedoch als Klischeedrucke
hergestellt. Grzimek war mit der Umsetzung der Skizze durch Weber
sehr zufrieden und bestellte ein weiteres Motiv für das nächste
Jahr: „Sinn ist: Rodung - Saat - Ernte - Ausbeutung - Wüste...“
Weber zeichnete hingegen einen „homologischen Garten“ mit in Käfigen
ausgestellten Menschentypen, etwa einer putzsüchtigen Frau oder
einem dicken, nackten Geschäftsmann beim Geldzählen, die von den
vorbeiflanierenden Tieren bestaunt wurden. Durch die - wie so oft -
erfolgte Lieferung in letzter Minute wählten die Frankfurter
irrtümlich ein Blatt aus, das Weber als Entwurf gedacht hatte - beim
Käfig der Frau fehlten sogar noch die Gitterstäbe. Da es auch bei
der Honorarabrechnung zu Mißverständnissen kam - Weber erhielt statt
der vereinbarten 500 nur 300 DM - blieb es bei diesen beiden
Aufträgen.
Er beschwerte sich in diesem Zusammenhang am 28.1.1962 bei Luise,
der Tochter von Viktor Müller: „Durch Grzimek erfuhr ich so zufällig
- daß Bärmeier und Nikel ihm Abdruckrechte von meinen Bildern
verkauft und kassiert haben! ohne doch das geringste Recht an diesen
Arbeiten zu haben! - Weil sie sich aber so redlich - so selbstlos so
viel Mühe gegeben haben - mir mein Fell über die Ohren zu ziehen -
werde ich weiter demütig geduldig still halten, um nicht als ein
undankbarer - das haben sie mir vorgeworfen! - Querulant
dazustehen.“
Neben der kontinuierlichen Arbeit an immer neuen Lithographien für
den „Kritischen Kalender“, den Veröffentlichungen im „Simplicissimus“,
dem immer noch verfolgten Projekt des Tierbilderbuches und dem neuen
Plan eines „großen Verzeichnisses“ seiner Lithographien widmete sich
Weber auch noch höchst ungewöhnlichen Aufträgen: Am 22.12.1961
führte das Wuppertaler Schauspielhaus die dramatische Farce „Die
chinesische Mauer“ von Max Frisch auf. Weber entwarf dazu die
Bühnenkostüme. Er war zur Premiere anwesend und erhielt langen
Beifall. Die Kritik der Presse war zwiespältig: man lobte zwar die
phantasievollen, bunten Kostüme, vermißte andererseits darin aber
das Typische der Weberschen Satire.
Auch zu einem Auftrag von seinem alten Mäzen Alfred Toepfer rang er
sich durch. Obgleich die Beziehung kühl geworden war, schuf Weber
zur Ausgestaltung von Toepfers großem Frachtschiff „Straßburg“ 32
Rötelzeichnungen „Schönste Bauten von 32 europäischen Städten“,
wobei das Bildprogramm von Toepfer exakt vorgeschrieben wurde. Ein
Nachfolgeauftrag 1967, in ähnlicher Form für das Frachtschiff
„Brüssel“ Rötelzeichnungen europäischer Städte, Landschaften und
Persönlichkeiten zu schaffen, kam nicht zur Ausführung.
Trotz der vielfältigen Verpflichtungen organisierte Weber weiterhin
fast alle Ausstellungen selbst und nahm an den Eröffnungen teil.
Welche Mühen dies oft kostete, zeigt ein Blatt mit tagebuchähnlichen
Notizen vom 4.3. bis 9.3.1961, die von einer Ausstellung in Wien
berichten: „7.3.1961: Von Würzburg Aufbruch über Nürnberg nach
Passau. Schlechte Straßen. Baustellen und Verkehr. Kommen nur
langsam mit der schweren Last voran. In Nbg. [= Nürnberg] Frühstück
bei Viktor [Müller]. .... bringt uns auf die Strecke - wieder ist
der erste Teil der Straße schlecht - dritter Teil sehr schlecht -
Frostschäden - wir sind 1 ½ Stunden zu spät in Linz. Zoll ist um 16
Uhr nicht mehr zu haben. Wir kommen im ‘Roten Krebs’ mäßig unter.
Ich arbeite noch an der Reihenfolge fürs Hängen. ‘Einigermaßen’
geschlafen. Besuch Direktor Kasten. Briefe an [Günther] Martin, Sepp
Klingler und [Carl] Vogel Hbg , der mich mit Schülern besuchen will.
8.3.61: Übernachten im ‘Roten Krebs’ in Linz. Früh und am Vorm. vor
dem Kaffee (ungemütliches Hotel) an der Bilderfolge zum
Piper-Bändchen gearbeitet. Die Bilder sämtlich mit handgeschriebenen
Nummern beklebt - Zollabfertigung um 14 - 15 Uhr. Wieder Einräumen
und Abfahrt nach Wien. Ankunft um 19 Uhr. Verteilen der Bilder im
Saal I. Soll nur diesen bekommen - nicht den kleineren auch, wie
verabredet. Verteilung ergibt eine andere Reihenfolge als erst
vorgesehen war, macht wenig Spaß wie kaum sonst. Häßliche
Gesamtwirkung des Saales. Betont schlechter Fußboden. Dr. Gr. und
die führenden Herren des Verbandes haben Sitzung. Warte vor Quartier
und Abendbrot, um vorstellig zu werden. Gewinne sie, und Dr. Gr.
bekommt vom Präsidenten einen dicken Verweis. Ich bekomme den Raum.
Wir essen. Ellermbrook, der Fahrer, fährt mich wieder zum
Künstlerhaus. Sieht sich selbst Wien an. Ich arbeite unlustig allein
bis 2 Uhr morgens. Die Verteilung macht Mühe und wird ganz anders.
Verfassen einer neuen Liste und Reihenfolge der Nrn. Im kleinen Raum
räume ich aus - um überhaupt einen Überblick zu haben. Auch hier ist
alles irgendwie eine ungemütliche Atmosphäre, schlampig. Ich bin
sehr müde und unlustig. Zuletzt hilft mir der Nachtwächter - ein
alter Mann - mit einem ‘bösen’ umwickelten Finger. Er entwirrt die
Schnüre mit den Ösen. Er ist rührend und besorgt mir ein Taxi -
obwohl ich so müde bin - kann ich nicht schlafen und habe traurige
Gedanken.“
Oft trug Weber seine Unkosten und den Transport - wie hier in Wien -
auch noch selbst. Am 26.3.1962 wandte er sich an das
Kultusministerium des Landes Schleswig-Holstein mit der Bitte um
einen einmaligen Zuschuß für eine Ausstellung in Schweden und Prag.
Er wies auf seine Kosten in Wien und Linz hin, die er mit 700 DM
angab. Zusätzlich stelle er Rahmen, Passepartouts sowie Plakate
stets kostenlos zur Verfügung. Das Kultusministerium verwies das
Schreiben an das Auswärtige Amt. Die Bemühungen blieben erfolglos.
Trotz der beeindruckenden Anzahl von über 100 Ausstellungen in den
Jahren 1960-64 blieben ihm die bedeutenden Museen verschlossen.
Seine Ausstellungen fanden hauptsächlich in Universitäten, kleinen
Galerien und Kunstkabinetten, Buchhandlungen, Heimatmuseen,
Bildungsstätten, Sparkassen, Volkshochschulen, Pfarrämtern und
Kirchen, Schulen, Gewerkschaftshäusern, Kunstvereinen, Bibliotheken,
Freizeitheimen, Theaterfoyers, Kaufhäusern, Arztpraxen, Cafés oder
gar Privathäusern statt.
Weber schrieb über eine kleine Ausstellung im „Libresso“ in Hamburg:
„Ich ging darauf ein, dort auszustellen, weil ich die Örtlichkeit:
Keller, Cafe und Antiquariat für recht originell halte - alles auch
im engen Kontakt mit den Studenten. Die Resonanz war gut, der Erfolg
recht beachtlich. Diese Ausstellung wird weiterwandern (ich gehe so
gern auf die Dörfer) zuerst nach Altenkirchen im Westerwald, dann
Korbach und noch andere mehr. Ich habe den Eindruck, die Menschen
sind dort in solch ländlichen Bezirken dankbarer - nicht so
überfüttert, auch weniger verwirrt durch den einfältigen Kohl der
Experten.“(Anm. 07)
Besucher solcher Ausstellungen wurden vor allem durch die
einprägsamen, jedem leicht verständlichen Bildmotive angezogen, die
- stets im Gegenständlichen bleibend - treffend das auszudrücken
vermochten, was viele dachten (Abb. 322).
Weber stand der etablierten Kunstszene weiterhin kritisch gegenüber,
umsomehr, als für zeitgenössische Werke inzwischen oft erhebliche
Summen bezahlt wurden. 1967 nahm die Stadt Basel, gestützt auf einen
Volksentscheid, einen Kredit über 6 Millionen Franken auf, um zwei
Gemälde von Picasso zu kaufen. Dieser war von dem breiten Zuspruch
so beeindruckt, daß er der Stadt vier weitere Bilder schenkte.
Walter Gallasch schrieb am 27.12.1967 darüber einen kritischen
Bericht im Erlanger Tageblatt und fuhr fort: „ ... Ich habe mir
unlängst ein Bild von A. Paul Weber gekauft. Es war, gemessen an den
sechs Millionen Franken, billig. Ich habe keinen Kredit aufgenommen,
sondern bar bezahlt. Deshalb hat mir Weber auch kein weiteres Bild
geschenkt ... Die Welt ist gerecht: Kein Kredit - kein Ruhm und
keine Geschenke.“ Weber kommentierte dies mit dem Blatt „Der Furz
des Picasso“, das er im „Kritischen Kalender 1969“ veröffentlichte.
Er gab dem Motiv einen weiteren Text von Gallasch bei, der schloß:
„Merke: anerkannte Säulen der Kunst sind prinzipiell heilig.“
„Neue Geschichten vom alten Fuchs“
1960 veröffentlichte Weber, ebenfalls im Verlag Bärmeier &
Nikel, ein kleines Bändchen mit 54 Zeichnungen und Lithographien von
Fuchs-Motiven unter dem Titel: „Mit allen Wassern. Neue Geschichten
vom alten Fuchs“ (Abb. 323). Der Fuchs war seit der Illustrierung
von Goethes Fassung des „Reineke Fuchs“ im Jahre 1924 für den
Künstler ein ständiger Begleiter in seiner Bilderwelt geworden. Er
schätzte die Listigkeit und Schläue, aber auch die Unangepaßtheit,
die Unverfrorenheit gegenüber der Obrigkeit, die Reineke an den Tag
legte. So ist der Fuchs der sympathische Schlaumeier, der die
Fährnisse des Lebens zu meistern weiß, aber auch eine problematische
Figur, die bis an die Grenzen des Erlaubten geht - und oftmals
darüber hinaus. Eugen Kogon(Anm. 08) beschrieb diese Ambivalenz
treffend im Vorwort des Buches: „So also wäre das: Mut und
Schlauheit im Verein - Mut als Hochherzigkeit, Tapferkeit,
Weitblick, Vertrauen und Güte, Schlauheit als Berechnung, Mißtrauen,
Untreue, Hinterlist und Verrat ...“ und begann seine Ausführungen
mit dem Satz: „Oh der Fuchs ... Wir sprechen von der Politik, nicht
wahr?“ Der über den oberflächlichen Anschein von lustigen
Tierbildern - der Titel erschien in der Verlagsreihe „Schmunzelbuch“
- hinausgehende gesellschaftskritische Anspruch der Bilder (Abb.
324) gründete auf dem Prinzip der Fabel. Tiere - wie hier der Fuchs
- führen menschliche Schwächen vor Augen, ohne den Betrachter oder
Leser allzusehr zu verletzen. Die Fabel spiegelt die Wirklichkeit
des Lebens in seiner Vielfalt. So versucht sich auch der Fuchs in
Webers Bilderwelt als Diplomat, Politiker und Demagoge, als
Nonkonformist und Kritiker, als Eremit und Pilger, als Dompteur,
Zauberer, Verführer und Lebenskünstler, der sogar der ausweglos
scheinenden Situation am Galgen entkommt. Kogon schrieb: „Die
fabelhaften Skizzierungen, die uns A. Paul Weber vorführt, machen
uns Mut, keine Lage, in die uns die Mächtigen bringen oder bringen
möchten, als ausweglos anzuerkennen; es sind zutiefst
antimachiavellistische Bilder, weil sie nicht nur die rohe Gewalt
als unmenschlich verurteilen, sondern auch die Dummheit als
menschenunwürdig.“
Weber wagte den Versuch auf die Bildtitel zu verzichten. Am
3.12.1960 schrieb er enttäuscht an Walther Obermiller: „Bei dem
Fuchsbuch wollte ich die Menschen zum reinen Bildbetrachten anhalten
( erziehen - Graphik ohne Titel zu genießen ), aber das hat
allgemein Widerstand hervorgerufen - man will nicht schauen und
nachdenken, sondern faul, bequem von Unterschrift zu Unterschrift
sich ziehen lassen -“
Kurze Zeit später erfolgte die zweite Auflage - diesmal mit Titeln
unter den Bildern, die zumeist auf Vorschlägen von Webers Freund
Arnold Köster beruhten.
Reisen nach Spanien
Häufig wurde in der Presse die „ländliche Zurückgezogenheit“
des Künstlers erwähnt. Man vergaß über Webers abgeschiedenem Wohnort
im Kreis Herzogtum Lauenburg die Tatsache, daß er zeitlebens viel
gereist war. Nur die wenigsten Reisen schlugen sich allerdings klar
erkennbar in den Sujets seiner Werke nieder. So ist es erstaunlich,
daß die Fahrten nach Italien, dem Mekka vieler Künstler, so gut wie
keine direkt erkennbaren Spuren im künstlerischen Werk hinterließen
- ganz im Gegensatz zu seinen Reisen nach Spanien, die er 1960, 1963
und - auf dem Wege nach Portugal - 1966 unternahm.
Im Oktober und November 1960 nahm ihn das Ehepaar Günther und Fanny
Martin aus Hamburg zu einer Rundfahrt durch Spanien mit. Martins
Chauffeur Karl Stenzel fuhr die drei über Lausanne, Genf, Avignon,
Carcassonne, Barcelona, Tarragona, Valencia, Granada, Málaga,
Marbella bis nach Guadalmina. Weber besuchte mehrere
Stierkampfveranstaltungen und besichtigte die Brücke von Ronda, die
er auf einer Lithographie festhielt. Unter dem Eindruck der
Stierkämpfe entstanden später zwei Ölgemälde und mehrere satirische
Lithographien, auf denen Stiere und Toreros die Rollen tauschen.
Von Gibraltar aus reiste man nach Sevilla, wo Weber Gemälde von
Murillo und El Greco besichtigte. Über Segovia, Burgos, Guernica und
Lourdes ging es wieder zurück. Zu Günther Martin bemerkte Weber:
„Lassen Sie doch das ewige Fotografieren - hier im Kopf müssen Sie
die Bilder behalten.“(Anm. 09)
Höhepunkt der Reise war für den Künstler sicherlich Madrid. Im Prado
studierte er eingehend die Gemälde von Velazques, vor allem aber die
Werke von Francisco de Goya. Von den „Suppenessern“ aus der Folge
der „Pinturas Negras“ zeichnete er eine Kohle-Skizze und benutzte
das Bildmotiv in einer witzig-satirischen Lithographie, die eine
Besucherin vor dem Bild zeigt. Es entstanden später Lithographien,
die sich ironisch mit den Bildungstouristen im Prado und ihrer
Wechselwirkung mit den ausgestellten Gemälden beschäftigten, wie
z.B. das Blatt „Im Prado ist es dunkel“ (Abb. 325), das einen
kurzbehosten Touristen vor dem ehrwürdigen Kardinal auf einem
Gemälde von Velazques zeigt. Martin erinnerte sich: „Das Bild hing
neben dem WC, wo sich da einer so bücken mußte.“ Eine Reproduktion
des Gemäldes hing auch in Webers Arbeitszimmer.
Während die italienische Renaissance mit ihrem Streben nach
harmonischer Schönheit Weber kaum beeinflußte, sah er eine
Seelenverwandtschaft zu dem kritischen, künstlerisch oft skurrilen
und von Unruhe umgetriebenen Goya, der sich ebenfalls in Zeiten
politischer Wirren behaupten mußte. Der fahrige, nervöse Strich, der
Hang zum Phantastischen, Unheimlichen war beiden Künstlern
gemeinsam. Auch Goya stellte die dämonisch-phantastischen Seiten des
menschlichen Lebens dar und übte Kritik an den politischen und
gesellschaftlichen Verhältnissen seiner Zeit. Der 1746 geborene
Maler und Graphiker, der 1789 zum spanischen Hofmaler ernannt wurde,
schuf Radierzyklen wie die „Caprichos“, welche die Torheiten der
menschlichen Gesellschaft darstellten, die „Desastres de la Guerra“,
deren Anlaß der spanisch-französische Krieg von 1808-13 war sowie
die „Tauromaquia“, die Stierkampfszenen zeigte.
Webers Verehrung für Goya ging so weit, daß er diesen auch in der
Schachspieler-Reihe im Spiel mit der Herzogin von Alba verewigte
sowie etliche von Goyas Gemälden in ironischen Lithographien
darstellte. Dies zeigt sich auch in einigen Blättern, die von einer
Reise Webers 1965 mit Günther Martin und Ulla Müller nach London
angeregt worden waren. Man besuchte dort eine Goya-Ausstellung in
der National Gallery.
Spanien beeindruckte Weber nachhaltig. Neben den Prado-Motiven
lithographierte er Bilder mit Stierkampfszenen, eine kleine Folge
von Motiven mit Don Quichotte, Bettler und Losverkäufer zeichnete er
auf den Straßen. In etlichen Blättern wie etwa „Die schmutzigen
Stiefel“, das in acht Varianten nachweisbar ist, „Die
Steigbügelhalter“ oder „Franco und der Stier“ spiegelte sich seine
kritische Auseinandersetzung mit dem Franco-Regime.
Am 23.7.1961 wurde eine Weber-Ausstellung im Universitätsmuseum in
Marburg eröffnet, auf der auch erstmals einige der Spanien-Motive zu
sehen waren. Die Presse berichtete dabei über einen besonderen
Vorfall, der anekdotisch dokumentiert, daß Weber seine Graphiken
meist sehr schnell und ohne Vorlage zeichnen konnte: „[Weber] war -
wie immer - selbst gekommen, um seine Bilder zu hängen. Es gehört
zum Wesenszug dieses mit höchster handwerklicher Gewissenhaftigkeit
arbeitenden Künstlers, auch der Vorbereitung und Durchführung seiner
Ausstellung peinlichste Sorgfalt zuzuwenden. So hatte er bis in die
Nacht zuvor Blätter in Passepartouts gesetzt, ausgewechselt, gerahmt
- und auf eine Rolle mit neuesten Lithos gewartet, die noch
unterwegs waren. Sie blieben aus bis Sonntag vormittag - als die
Besucher bereits in die Ausstellung strömten. Während noch die
Stehleiter die Lücke an der Wand bezeichnete, die durch ein letztes
Blatt gefüllt werden mußte, war A. Paul Weber im Zimmer des
Museumsdirektors kurzentschlossen darangegangen, die deutsche
Bundespost zu beschämen. Er hatte die Rohrfeder gezückt, um - ein
Magier der schwarzweißen Kunst - drei Tiere aus dem Ärmel zu
schütteln; in kurzer Zeit hatte er eine der Fabeln, die ihn seit
Jahren beschäftigten, aufs Papier gebannt ... Und nach der
Anbringung der noch tuschfeuchten Zeichnung konnte der Direktor ...
die Eröffnung mit einer kurzen Ansprache vollziehen.“(Anm. 10)
Gesellschaftskritische Bilder der 60er Jahre
Im „Kritischen Kalender 1963“ veröffentlichte Weber
eineLithographie, die eine Ratte zeigt, welche ein Hakenkreuz an
eine Hauswand schmiert. Er fügte dem Bild ein Textzitat von Günther
Anders bei: „Deshalb halten wir es auch für einen reinen
Selbstbetrug, in den Untaten gewissermaßen ‘erratische Ereignisse’
zu sehen, die sich einmal, aber eben doch nur ein einziges Mal, in
den Raum unserer Geschichte verirrt hatten, und für deren
Wiederholung nichts spreche ...“ Das Motiv entstand bereits 1960 als
einzige, großformatig abgedruckte Illustration (Abb. 326) zu einem
Bericht von Robert Neumann „Noch geschieht es bei Nacht und Nebel.
Umfrage an Künstler und Politiker des In- und Auslandes zu den
antisemitischen Ausschreitungen. Wo stehen wir 15 Jahre danach?“(Anm.
11), in dem neben Heinrich Böll, Willy Brandt, Hans Magnus
Enzensberger, Gerhard Marcks und Otto Pankok weitere 60
Persönlichkeiten zu Wort kamen. Über die Ratte und die damit
verbundenen Erinnerungen an die nationalsozialistische Diktatur
schrieb Weber am 25.12.1962 an seinen Freund Alf Depser: „ ... es
ist doch traurig - wie schnell vergessen wird - auch bei mir melden
sich die Menschen - die viel zu häufig Schlußstriche ziehen wollen -
es ist doch ein Unterschied - ob man noch Rache schnaubt oder eben
in Gedanken an das Mögliche Lehren daraus zieht.“
Erne Maier erinnerte sich an den Anlaß: „1960 empörte sich A. Paul
Weber über Hakenkreuzschmierereien an jüdischen Grabsteinen. ... Er
zeichnete aus dem Impuls der Empörung. Er mußte zeichnen. Aber
während er zeichnete, gewann unter seinen Händen die Ratte ein
Eigenleben. Sie erinnert nicht an häßliche Tiere, die in
Abwässerkanälen leben. Ihre Augen zeigen ein selbstbewußtes,
eigenwilliges, gefährliches Geschöpf.“(Anm. 12) (Abb. 327)
Möglicherweise war es die Beschäftigung mit der Diktatur Francos auf
den Spanienreisen oder Themen wie „Die Ratte“, die in ihm
Erinnerungen an seine Haftzeit während des Dritten Reiches weckten.
Seit 1964 beschäftigte ihn das Thema des Gefangenen über viele Jahre
hinweg. 23 Lithographien entstanden, in denen die schmutzig-düstere
Wirkung der Kreidelithographie zum Einsatz kam (Abb. 328). Meist
sind es enge, kastenartige Zellen, in denen Situationen aus dem
Leben der Gefangenen geschildert werden: Schlaf, karges Essen,
Ratten, Verhöre und Folter. Fast alle Motive wurden im „Kritischen
Kalender“ abgebildet, wobei in den 70er Jahren nahezu jährlich ein
neues Blatt dieses Themenbereiches Eingang fand.
Möglicherweise ging die Anregung dazu auch von dem kleinen Zyklus
„Hunger und Durst“ aus. Zu dem grotesken Bühnenstück von Eugène
Ionesco, das am 30.12.1964 im Schauspielhaus Düsseldorf uraufgeführt
wurde, schuf Weber in Absprache mit dem Intendanten K.H. Stroux zum
3. Teil „Schwarze Messe in der guten Herberge“ sieben Lithographien,
die im Theaterfoyer ausgestellt wurden. Eine Schlüsselszene zeigt
die beiden Gefangenen Tripp und Brechtoll, die erst dann Suppe
erhalten, wenn der eine seinen Glauben an Gott, der andere seinen
Atheismus völlig widerrufen hat.
Die 60er Jahre waren von Arbeit am „Kritischen Kalender“ ausgefüllt.
Die Rezensionen und Abdrucke daraus in der Presse mehrten sich.
Allein im Jahr 1963 gab es über 700 Erwähnungen in Tageszeitungen,
1964 über 900 und 1965 weit über 1000.
„Wenn ich es bedenke und mir nichts vormache - so muß ich schon
sagen ich bin wie besessen - von meiner Arbeit und schäme mich - wie
vor diesem Drang alles andere liegen bleibt - beiseite geschoben
wird - hinzu kommt: daß ich dazu in die Ergebnisse wie verliebt bin
- ich bin dann wie verbohrt und merke oft erst hinterher mehr oder
weniger spät - daß es längst nicht die Bedeutung hat - daß ich viel
zu viel Pulver daran verschwendet habe - So bin ich nun neugierig -
wie das einzelne seinen Weg machen wird - wie es sich hält -
aufgenommen - länger oder gar immer bleiben oder eben auch sang und
klanglos abtreten wird.“(Anm. 13)
Mit dem Sohn Christian verfrachtete Weber 1964 die tonnenschwere
Lithopresse auf die Frankfurter Buchmesse, um dort vor den Augen des
Publikums die Lithographie „Die Bestseller“ - ein Wettrennen unter
Büchern - zu drucken. Man warb damit am Stand des Münchner
Heinz-Moos-Verlages für das Buch „Geschichte der Lithographie“ -
nebenbei aber natürlich auch für den „Kritischen Kalender“. Aufgrund
dieser Aktion wurde die Lithographie in über 200 Tageszeitungen bei
Berichten zur Buchmesse abgebildet. Webers Interesse an Büchern war
stets groß und das Thema beschäftigte ihn immer wieder in seinen
Zeichnungen. Da Buchmessen selten mit fotographisch anspechenden
Motiven für die Tagespresse aufwarten konnten, nutzte man dort oft
die Möglichkeit, Zeichnungen Webers zu diesem Thema abzudrucken.
Auch „Die Welt“ brachte in den 60er Jahren in ihrer großformatigen
Sonderbeilage „Die Welt der Literatur“ häufig eine Weber-Graphik zum
Thema „Buch“ auf der Titelseite.
Seit Juli 1969 reservierte die renommierte Literatur-Fachzeitschrift
„Erasmus“ die Rückseite ihres Umschlages für eine Graphik Webers,
1975 wurde dieser sogar neben seinem Freund, Prof. Rudolf Jud,
Mitherausgeber.(Anm. 14)
Die 27 Lithographien, die der Künstler jährlich im „Kritischen
Kalender“ veröffentlichte, entstanden mehr und mehr eigens für den
Kalender - nur selten fertigte er neue Fassungen von älteren Themen
an. Dabei trafen seine Blätter den Nerv der Zeit, ohne allzusehr auf
tagespolitische Ereignisse einzugehen. Vielmehr nahm er oftmals
Geschehnisse zum Anlaß, das allgemein menschliche Verhalten
herauszuarbeiten. Abgesehen davon, daß dies schon immer ein Grundzug
seiner Graphiken gewesen war, blieb doch ein Jahreskalender ein
terminlich zu „lahmes“ Vehikel, um tagespolitisch-kritische
„Kommentare“ im Sinne einer Tageszeitungs-Karikatur zu befördern.
Das legendäre Fußballendspiel gegen England um die Weltmeisterschaft
1966 ging an Webers graphischem Interesse vorbei. Im Jahr zuvor
jedoch hatte er das Blatt „Der falsche Elfmeter“ (Abb. 329)
veröffentlicht, das er im „Kritischen Kalender 1965“ mit einem Text
von W.F.H. Aansell aus der Zeitschrift „Nature“ von 1964 versah: „Im
Berichte über das letzte Symposium ... zur ‘Naturgeschichte und
Aggression’ überrascht, daß der Rasensport nicht als ein möglicher
Ersatz für den Krieg erörtert wird ... Angesichts der ... von seinen
frühen Vorfahren ererbten Carnivorenpsychologie des Menschen
überrascht es nicht, daß sein Raubtierinstinkt die verhältnismäßig
wenigen Generationen überdauert hat, seitdem seine Domestikation den
Nützlichkeitswert dieses Triebes stark vermindert hat. Es wäre
unrealistisch, das zu übersehen ...“
Mit dem Bekanntheitsgrad seiner graphischen Werke wuchsen auch die
Anfeindungen gegen Weber. Die Kritik an der Fernsehsendung
„Chansonetten und Paletten“ von Thaddäus Troll, die mit Bildern
Webers unterlegt war, sprach von „gesammelten Scheußlichkeiten“, die
für das Massenmedium Fernsehen nicht geeignet seien.(Anm. 15)
Dennoch suchte der Satiriker oft geradezu die Konfrontation. Im
Oktober 1964 stellte er 26 seiner Lithographien, die sich kritisch
mit der Justiz auseinandersetzten, in der Kantine des Landgerichts
Düsseldorf aus. Der General-Anzeiger vom 3./4.10.1964 berichtete:
“Die Künstlergruppe Kunstausstellungen im Landgericht Düsseldorf
(Hut ab vor dem Mut dieser Männer!) zeigt zur Zeit eine Ausstellung
von Arbeiten des kritischsten Zeichners der Bundesrepublik, ihr
populärster Zeichner von Rang, der weithin von Fachkritik nicht
anerkannt, verschwiegen und gemieden wird: A. Paul Weber. ... Webers
hochempfindliche Ansichten über Militarismus, Spießer, schlagende
Verbindungen, Lobby und Atomrüstung lösen eine Kette von
Aergernissen aus.“
Man kann verstehen, daß er sich in entsprechenden Kreisen wenig
Freunde machte, wenn er die wirtschaftliche Elite der aufstrebenden
Bundesrepublik Deutschland als „Ellenbogenstoßbrigade“ (Abb. 330)
darstellte, die sich mit gefährlichen, klauenartigen Auswüchsen an
den Ellenbogen rücksichtslos ihren Weg bahnt. Schwabe schrieb dazu:
„Nicht aus Bösartigkeit ergießt sich das Unheil über unsere Zeit,
nein, stumpfe Ahnungslosigkeit ist das weit größere Übel ... Doch
auch die Ellenbogen-Stoßbrigade formiert sich aus Nomaden, die
Machthunger zusammenführt. Was sie auch betreiben mögen - Handel,
Politik, Wirtschaft oder Kunst - alles wird in ihren Händen zum
Geschäft.“(Anm. 16)
Im „Kritischen Kalender 1966“ führte Weber „Das Großmaul“ auf der
politischen Rednertribüne vor und gab ihm einen Text von Jonathan
Swift bei: „Ein politischer Lügner unterscheidet sich in einem
wesentlichen Punkte von seinen Geistesverwandten: Er braucht nur ein
kurzes Gedächtnis.“
Das Motiv „Die apokalyptischen Reiter“ (Abb. 331) wirkt wie eine
Zusammenfassung vieler seiner Bildthemen: Hier brechen alle Plagen
der modernen Zeit über die Menschheit herein. Ein verwirrender,
dramatischer Anblick: Eine Flut ergießt sich über die Welt.
Hochhäuser werden weggeschwemmt. Kirchen stürzen ein. Banken
verlieren ihren Halt. Im Vordergrund drängen sich Menschen in der
Hoffnung auf Rettung - suchen gar unter einem Sonnenschirm Schutz.
Der Himmel ist ausgefüllt von den „Apokalyptischen Reitern“, wie sie
auch Albrecht Dürer in einem Holzschnitt von 1498 beschworen hatte.
Waren es bei Dürer Krieg, Pest, Hunger und Tod, die als
personifizierte Endzeitplagen nach der „Geheimen Offenbarung des
Johannes“(Anm. 17) erscheinen, so fügt Weber der Bibel und der
berühmten Bildgestaltung Dürers Elemente unserer Zeit hinzu. Die
ursprünglich vier Personifikationen sind zu einer wilden,
unübersehbaren Horde an Plagen angewachsen: Links ein Arzt mit
Brille und großer Spritze, der für die unmenschliche
Apparate-Medizin steht, welcher Weber als Anhänger der
Naturheilkunde keine Sympathien entgegenbrachte. Ein
Zeitungsverkäufer vertritt die sensationslüsterne Boulevard-Presse,
ein Soldat mit einer Bombe in der Hand symbolisiert die Aufrüstung,
ein Motorradfahrer das aggressive Verkehrschaos unserer Zeit. Am
rechten Bildrand bläst eine dicke Nackte - als Sinnbild moralischen
Verfalls - wie ein pervertierter Putto in eine Fanfare, daneben ein
Uniformierter mit Marschallstab und SS-Mütze. Angeführt wird die
Meute von einer genmutierten Schreckensgestalt, die ihre Ursprünge
in Webers Bild „Der Nachkomme“ hat. Der groteske Pferdekopf erinnert
an Picassos Gemälde „Guernica“, ebenso sind Einflüsse von Werken
Arnold Böcklins spürbar.
Weber hat das Motiv in den Jahren 1964 und 1965 siebenmal
lithographiert. Die ersten Fassungen sind übersichtlicher, die
Figuren sorgfältiger gezeichnet und leichter zu identifizieren. Der
Angriff der apokalyptischen Wesen gilt dort einer Dachterrasse,
wodurch die Sonnenschirme ihre inhaltliche Erklärung finden. Zuletzt
entschloß sich Weber jedoch, seinen akribisch-detailfreudigen Stil
weitgehend zu verlassen, um dem Geschehen eine dramatische,
chaotische Wirkung zu geben. Diese Fassung wählte er zur
Veröffentlichung in seinem „Kritischen Kalender 1966“.
Im „Kritischen Kalender 1967“ erschien das Blatt „Sie fressen alles“
(Abb. 332) - eine Persiflage auf die BILD-Zeitung und ihre Machart.
Ein Schwein verkauft die Zeitungen mit dem Slogan „Alle lesen die
SAU“ an Schafe, die das Gedruckte begierig studieren. Die
Schlagzeilen-Fragmente lassen sich zusammenfügen: „Entmenschte -
Mutter - brutzelte - Kind in der - Pfanne - Die Sau - war zuerst da!
- und nahm als - erste den Braten - vom Feuer“. Die Lithographie
mußte Weber zweimal zeichnen. Beim ersten Mal hatte er versehentlich
alle Buchstaben „D“ beim Zeichnen auf den Stein nicht gespiegelt.
Ihm blieb nichts anderes übrig, als das komplexe Motiv nochmal zu
zeichnen.
Die neue Rolle Deutschlands im Schatten der Supermächte war
inhaltlicher Hintergrund für das Motiv „Weltpolitik“ im „Kritischen
Kalender 1968“: Ein Kleinkind mit Schnuller und Schiefertafel sitzt
eingeklemmt zwischen zwei riesigen Diplomaten. Dem Bild wurde ein
Text von Ernst Niekisch beigegeben.
Weber hatte Niekisch, der nach dem Krieg von den Russen aus der Haft
befreit wurde und in der DDR geblieben war, nach dessen
Übersiedelung in die Bundesrepublik Deutschland wieder
getroffen.(Anm. 18) Er porträtierte den inzwischen fast Erblindeten
in drei Ölskizzen, die er später mit Hilfe von Fotos, die Sohn
Hartmut bei den Sitzungen 1962 und 1963 in Berlin aufgenommen hatte,
in einem großen Porträt ausarbeiten wollte.(Anm. 19) „Ich war wieder
bei einer Berliner Reise, bei Ernst Niekisch - die Porträtarbeit ist
noch nicht abgeschlossen, doch ich hoffe auf ein gutes Ergebnis -
wann ich sie wieder aufnehmen kann, weiß ich noch nicht zu sagen
...“(Anm. 20)
Nachdem Weber sich bereits in der Endphase des „Widerstandskreises“
von Niekisch distanziert hatte, berichtete er 1946 Werner Kreie:
„Bei Niekisch dürfen wir nicht vergessen - er war bald 10 Jahre zum
Schweigen verurteilt - das war für ihn recht bitter. Dann totgesagt
und abgeschrieben das war noch niederdrückender und so ist die
Reaktion auf dieses Nicht mehr gefragt werden auch leider
dementsprechend - ... - es ist ein Ausfluß des Verletzten -
Verlassenen - nicht zum Zuge gekommen zu sein! er zielte doch wie
die ganz Großen auch auf Menschheitsführung - auf Gefolgschaft und
scheiterte dabei.“
Da sich das Verhältnis der beiden Männer nach einer Phase starker
Abkühlung durch die Vermittlung des alten Widerstands-Gefährten
Joseph Drexel etwas gebessert hatte, berührte Weber das Schicksal
Niekischs, der nun um eine Wiedergutmachung wegen seiner
Inhaftierung durch die Nationalsozialisten kämpfte. Zwischen 1954
und 1961 führte er einen ergebnislosen Prozeßmarathon durch
sämtliche Instanzen bis zum Bundesgerichtshof. Dies regte Weber zu
der Lithographie „Keiner war zuständig“ (Abb. 333) im „Kritischen
Kalender 1967“ an: Ein blinder Mann mit Krücken ist auf dem Flur
einer Behörde zusammengebrochen. Niekisch starb im gleichen Jahr an
seinem 78.Geburtstag.
Zur Studentenrevolte von 1968 ließ Weber schon im Jahr zuvor für den
„Kritischen Kalender 1968“ ein aktuelles Motiv einfließen: „Rebellen
in die Tonne!“ (Abb. 334) Vorausgehende Fassungen zeigten im
Hintergrund „angepaßte“ Studenten, die brav eine Treppe - die
Karriereleiter - hinaufkriechen. Die sehr schnellen Pinselstriche
geben dem Blatt eine dramatische Note. Weber stellte ihm im Kalender
ein Zitat des Pastors und Regierenden Berliner Bürgermeisters
Heinrich Albertz „Die Geduld der Stadt ist am Ende ... ich sage
ausdrücklich und mit Nachdruck, daß ich das Verhalten der Polizei
billige.“ und das Zitat eines „deutschen Bürgers“ zur Seite: „ ...
Wir, die arbeitende Bevölkerung, haben es satt, uns von den dummen
Jungen, die erst einmal hinter den Ohren trocken werden sollten,
terrorisieren zu lassen. Wann greift die Polizei endlich mit einem
harten Besen durch? ...“
In einer Notiz an die Bonner Galeristin Anne Klug-Kirschstein
vermerkte Weber: „‘Rebellen in die Tonne’ müßte man für die
Studenten billig halten (60 DM)“.
Im „Kritischen Kalender 1969“ zeigte er ein Blatt mit dem Titel
„Politische Diskussion“. Ein Mann stürzt zu Boden. Ein Polizist
kämpft mit einem Attentäter, der eine Pistole in der Hand hält. Im
Kalender stand das Bild neben dem Bericht eines Polizeioffiziers
über den Einsatz beim Attentat auf Rudi Dutschke, den Führer der
Sozialistischen Deutschen Studentenbewegung, am 11.4.1968: „ ... Es
war für uns eine ganz neue Erfahrung: das war ja eine entmenschte
Masse. Ich war gerade nach vorn gegangen, um die Lage zu erforschen,
als mir der junge Mann entgegengerannt kam. Er fiel mir um den Hals
und stammelte: Um Gottes Willen schützen Sie mich, die wollen mich
tot schlagen. Hinter ihm her kamen an die tausend Leute, die johlten
und riefen: Schlagt den Dutschke tot. Ich bekam Schläge auf den
Rücken, wir wurden zu Boden geworfen, die Menge war außer sich, wir
haben uns dann die letzten Meter bis zum Wagen irgendwie
hingeschleppt. Ich konnte gerade noch die Tür aufreißen und den
jungen Mann hineinstoßen. Die Leute wollten daraufhin den
Mannschaftswagen umkippen, zwei von ihnen schlugen eine Scheibe ein,
die Menge brüllte: lyncht ihn, hängt ihn auf.“
Ebenfalls ein Motiv mit tagespolitischem Hintergrund zeigte die
Lithographie „Am 21. August 1968“ (Abb. 335). Während in ersten
Fassungen ein Esel den Panzer steuert, der die Friedenstaube
überrollt, entschied sich der Künstler bei der Veröffentlichung im
Kalender für eine dramatischere Variante und gab dem Turm des
Panzers das Aussehen eines Totenschädels. Anlaß war die
Niederschlagung des „Prager Frühlings“ und der Einmarsch der Truppen
des Warschauer Paktes in Prag.
Die Frage, wie ein Künstler, in dessen Werk das Grausige und
Groteske einen so festen Platz hat, selber damit fertig werde,
beschäftigte viele Gemüter. Lottemaria Doormann schrieb im
Flensburger Tageblatt aus Anlaß von Webers 75. Geburtstag: „Wie muß
ein Mensch, dessen Werk einen so absoluten Pessimismus ausstrahlt,
leben? Gibt es für ihn persönlich einen Schimmer der Hoffnung und
Liebe?“ Webers Freund Hans Schmidt-Gorsblock fühlte sich bemüßigt,
zu entgegnen: „A. Paul Weber im ‘absoluten Pessimismus’? Gewiß führt
er uns eine ganze Galerie von Unzulänglichkeiten vor Augen. ... Aber
neben dieser Galerie der Unmenschen, der Bösen oder Schwachen weiß
er die Echten und Unverbildeten, die Mitmenschlich-Verstehenden, ja
die Hilfswilligen und Aufbauenden. Oft sind sie leidende Opfer der
Hemmungslosen, und da muß der Künstler, der selber im Positiven
steht, immer wieder die Nachtseite der menschlichen Natur
bloßstellen, muß deuten und warnen, um den guten Kräften zu dienen.“
Auf ähnliche Fragen eines Jounalisten antwortete Weber 1967: „Ich
trage doch nicht die Schuld an diesen Zuständen! ... Sind denn die
Bilder aus der Luft gegriffen oder mutwillige Konstruktionen? Ich
folge einem Drang und empfinde es als meine Aufgabe, daß ich das,
was mich bewegt, bedrückt, mit Sorge erfüllt oder auch amüsiert und
belustigt, sichtbar mache, es gestalte. Zumeist kann ich mich wie
ein Chronist an die Tatsachen halten. Das aber ist die Gabe - in
Bildern zu denken, denken zu müssen. ... Ich habe zwar keine
pessimistische Brille auf, aber ich sehe da so manches auf mich
zukommen, wo ich einfach Stellung nehmen muß.“(Anm. 21)
Über das, was Kunst allgemein oder seine kritische Graphik im
Besonderen bewirken könne, machte sich Weber keine Illusionen. Für
das Titelbild des „Kritischen Kalenders 1967“ zeichnete er eine Art
Selbstbildnis: Der Narr lauert hinter einer Hausecke auf einen
dicken Spießbürger. In der Hand hält der Narr ein Korkengewehr, ein
Kinderspielzeug also, das allenfalls zum harmlosen Erschrecken
ausreicht.
Dennoch: Die Warnung vor Gefahren, die unserer Umwelt drohen,
verfolgte Weber seit Ende der 50er Jahre konsequent. Immer wieder
schuf er Bilder zu diesem Themenkomplex, etwa „Was essen und trinken
wir?“ (Abb. 336) für den „Kritischen Kalender 1969“: Der Tod als
Koch serviert die Suppe - die aufsteigenden Dampfschwaden bestehen
aus kleinen Skeletten. Der ausführliche Begleittext im Kalender
stammte von Heinrich Schirmbeck und ging auf die Zusammenhänge in
der Nahrungskette des Menschen ein: „Wir wissen es alle: Die Zahl
der Insektenvernichtungsmittel, auch Insektizide genannt, und der
Unkrautvernichtungsmittel ist ins Unermeßliche gewachsen. Ein ganzer
Zweig der industriellen Chemie hat sich zu einer Giftwolke
aufgebläht, die drohend über der Menschheit schwebt ...“
Auf den Hunger in der Dritten Welt und die daraus drohenden sozialen
Folgen wies Weber im „Kritischen Kalender 1968“ mit dem Motiv
„Hungrige Gäste“ hin: Eine Lawine von abgemagerten Menschen drängt
unaufhaltsam durch die Türen in einen Festsaal, an dessen überreich
gedeckter Tafel die Honoratioren entsetzt aufschreien oder in
Ohnmacht sinken.
„Wenn ein Arzt zum Messer greift - greifen muß - und das Übel - den
Schaden beim Patienten schneidet - so ist das Schlechte - das
Negative immer beim Patienten - Die Handlung des Arztes aber nur
eine recht positive Tat - An dieser so simplen Tatsache sehen viele
Betrachter bei meinen Bildern einfach vorbei, als wenn ich es wäre -
der diese Themen hervorbrächte ...“(Anm. 22)
Durch die Regelmäßigkeit, mit der der „Kritische Kalender“ erschien,
schuf sich Weber eine unvergleichliche Plattform für die
Veröffentlichung seiner Bilder. Mit den Jahren entstand ein
gewaltiges Kompendium seiner Lithographien. Schließlich wurden es
etwa 600 veröffentlichte Arbeiten. Trotzdem gab er den Gedanken an
einen großen Katalog der Lithographien nicht auf - verschaffte sich
sogar professionelle Unterstützung durch die Kunsthistorikerin
Renate Marzolff. Am 18.12.1966 schrieb er an die Obermillers: „ ...
und arbeite mit Frau Dr. Renate Marzolff am großen Katalog aller
Lithographien. Ich suche, um das auf die Beine zu stellen - einen
Mäzen! - Allein die um 700 Wiedergaben kosten ein Vermögen. Trotzdem
- ich schaffe weiter dran in gutem Glauben.“
Zu dem von Weber so sehr ersehnten Lithographie-Verzeichnis sollte
es zu seinen Lebzeiten nicht mehr kommen (Abb. 337).
Die Probleme mit der Verlagsarbeit und dem Vertrieb der „Kritischen
Kalender“ blieben ihm nach wie vor erhalten. Seine Einschätzung am
Ende der 60er Jahre unterschied sich kaum von der am Anfang des
Jahrzehnts. So schrieb er am 1.12.1967 an Hans Schmidt-Gorsblock:
„Nach dem Schaffen der Bilder setzt nun die notwendige Arbeit ein -
mit dem Buchhandel - der Presse - dem Vertrieb - ich erspare mir das
alte Lied - es ist nur noch länger geworden - ich weiß: hier müssen
grundlegende Änderungen geschehen - auf die Dauer müssen die
Schwierigkeiten, all die Mühen eines anwachsenden Verlages ganz
anders angegangen werden. So schön - so lieb der Kontakt mit den
Liebhabern, Sammlern ist - es kann eines Tages so überhand nehmen -
daß ich viel zu wenig an die eigentliche Arbeit komme.“
Er unterstützte weiterhin trotz der eigenen schlechten
Finanzsituation seinen Bruder Hanns, der nach seinem Aufenthalt
1945-53 in Groß-Schretstaken wieder in die Türkei zurückgekehrt war
und sich erfolglos in verschiedenen Branchen versucht hatte. Hanns
schrieb beispielsweise am 19.9.1966: „Lieber Paul, ich habe
geglaubt, diesen Monat ohne Deine Hilfe durchhalten zu können, aber
es ist wieder mal nichts und so schwer es mich auch ankommt: Ich muß
Dich wieder mal anbetteln; schicke mir doch noch einmal 200 ...“
Die späten Buchillustrationen: Von Günther Anders bis Franz Kafka
In den 60er Jahren entstanden kaum nennenswerte
Buchillustrationen von Weber. Erst gegen Ende des Jahrzehnts
beschäftigte ihn die Idee, die Geschichte des Simplicissimus von
Grimmelshausen oder die von Don Quichotte zu illustrieren -
Einzelblätter zum Don Quichotte waren seit Ende der 30er Jahre in
unregelmäßigen Abständen, vor allem nach den Spanienreisen
entstanden.
1968 schuf er für das Buch „Der Blick vom Turm“ 12 ganzseitige
Lithographien. Autor war Günther Anders, der bedeutende jüdische
Wiener Philosoph und Schriftsteller, der 1933 vor den
Nationalsozialisten fliehen mußte und später durch seine Auschwitz-,
Hiroshima- und Vietnam-Kommentare und als Mitglied des
Russell-Tribunals bekannt wurde. Er engagierte sich zudem führend in
der internationalen Anti-Atom-Bewegung. Weber kannte Anders bereits
seit 1963 und hatte ihn öfters in den Textbeigaben der „Kritischen
Kalender“ zitiert. Am 5.11.1963 hatte Anders den Künstler gebeten,
eine Postkartenaktion der Wiener Ostermarschgruppe zu unterstützen,
die sich für die Ächtung von Atomwaffen einsetzte.
Sein Buch bestand aus kurzen Texten, die der Fabel nahestehen, sich
allerdings nicht nur auf die Tierwelt bezogen. Im Werbetext des
Verlages hieß es: „Weber hat die Sinnbilder, in die Anders die
heutige Welt übersetzt, sowohl die tödlichen wie die komischen, noch
einmal übersetzt, und zwar in wirkliche Bilder - in Bilder von
solcher Penetranz, daß Anders, wie er Weber gestand, in Versuchung
geriet, eine Fabel über das Überflüssigwerden von Fabeln zu
schreiben.“
Für die Titelseite zeichnete Weber einen Narren als holzbeinigen,
einäugigen Brillenverkäufer (Abb. 338), der - aus Schaden klug
geworden - denen, die immer noch nicht sehen, Brillen anbietet. Der
Titel zitierte ein Wort Lenins: „Die Tatsachen sehen und nicht
verzweifeln“.
Im Laufe der Verhandlungen über das Buch und seine Illustrationen
erwuchs eine tiefgehende, auf gegenseitigem Respekt gründende
Freundschaft zwischen den beiden Männern, die vor allem von der
Bewunderung Anders’ für die Arbeiten Webers geprägt war. Als
einziges Kunstwerk hängte er dessen Blatt „Die Klage des Sancho
Pansa“ in seiner Wohnung auf. Am 13.5.1966 schrieb er ihm bei der
Betrachtung eines „Kritischen Kalenders“: „Statt zu arbeiten, sitze
ich nun da und bewundere Ihr von Aasgeiern umflattertes Pferd, die
Schnatterinnen in der Kunstausstellung, den sich rächenden Stier in
der Arena usw usw - manche dieser Zeichnungen scheinen mir bereits
Illustrationen zu von mir zu schreibenden Fabeln. Unter dem starken
Eindruck dieser Bilder habe ich sofort auch wieder an den Beck
Verlag geschrieben ...“ Und am 19.7.1966: „Wie schön, dass wir so
ins wirkliche Gespräch miteinander gekommen sind ... Ihr Alltag
besteht ja genauso wie der meine aus einem Kontinuum von
Höllenbildern ...“ Am 16.10.1966 wiegelte er auf eine entsprechende
Bemerkung Webers ab: „Es ist Unsinn, sich durch Illustrierung meiner
Fabeln geehrt zu fühlen, mindestens gilt ganz genau so, dass ich
mich durch Ihre Illustrierung geehrt fühle. Wir sind also
freundschaftlich quitt.“ Trotz der gegenseitigen Verehrung geizte
Weber wie stets mit Antwortbriefen und ließ diese, wie auch die
Zusendung der Illustrationen oder wenigstens von Arbeitsproben
mehrfach von Anders anmahnen. Erst als dieser sich „beunruhigt“
äußerte und eine Erkrankung vermutete, teilte dieser ihm auf einer
Postkarte mit, daß die Illustrationen bereits komplett fertig seien.
Schließlich kam es im März 1968 zu einem ersten persönlichen Treffen
in Wien, in dessen Folge Anders Webers Graphik „Hunger“ in seinem
Zimmer aufhängte.
Das Buch wurde von der „Stiftung Buchkunst des Börsenvereins des
Deutschen Buchhandels“ als eines der schönsten Bücher des Jahres
1968 ausgezeichnet.(Anm. 23)
Noch am 10.5.1979 schrieb Anders nach zehnjähriger Krankheit an
Weber: „ ... keinem bildenden Künstler von Heute fühle ich mich so
nahe wie Ihnen. Sie sind ein absolut ebenbürtiges Mitglied der Reihe
Bosch, Brueghel, Goya, Daumier (den unterschätzten Doré sollte man
auch dazurechnen). Sie wissen, dass über meinem Schreibtisch Ihre
„Klage um Don Quichote“ hängt. ... Wenn Sie hier lebten, oder ich in
Ihrer Nähe, dann würden wir manches in teamwork herstellen können.
In alter neuer Herzlichkeit Ihr Anders.“
Der Bertelsmann-Verlag war 1966 an Weber mit dem Angebot
herangetreten, den Schelmenroman „Der abenteuerliche Simplicissimus“
zu illustrieren. Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen beschrieb
darin das Leben eines „einfältigen, wunderlichen und seltsamen
Vaganten“, genannt Simplicius Simplicissimus (der Einfältigste der
Einfältigen), in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Der Roman
erschien erstmals 1669. Um die Verderbtheit seiner Zeit darzustellen
und eine Art von Sozialutopie zu entwickeln, bediente sich
Grimmelshausen satirischer Gestaltungselemente.
Weber hatte sich schon einmal mit dem Stoff intensiv
auseinandergesetzt und 1925 zahlreiche Skizzen und eine Folge von
Holzschnitten hierzu angefertigt, die jedoch nie publiziert wurden.
Leicht fiel ihm die Entscheidung, nach mehr als 40 Jahren das Thema
erneut zu bearbeiten, wohl nicht. Er schrieb am 19.1.1967 an den
Verlag: „Ich brauchte etwas Zeit - um mich zu entscheiden. Vor einer
Zusage hätte ich gern still für mich einige Versuche, einige Lithos
dazu gearbeitet. Denn mit dem Honorar allein ist es nicht getan -
das Verlangen muß doch hinzu kommen, daß ich mich wieder mit Freuden
diesem Stoff hingebe - daß es mich wieder packt. ... Zum Termin der
Fertigstellung haben Sie die Jahreszahl 1968 in 67 umgeändert - das
ist hart und ob es richtig und auch klug ist? Ich will auch so mein
Möglichstes tun.“
Wie so oft, stellte sich die Zeitvorgabe als illusorisch heraus.
Fast ein Jahr später, am 1.12.1967 schrieb Weber an Hans
Schmidt-Gorsblock: „Im Sommer habe ich Bertelsmann zugesagt, den
Grimmelshausen Simplizissimus mit 40 Vollbildern zu schmücken. Ich
hoffe, mir kommt im Winter die ruhige Zeit dazu.“
Es sollte noch weitere zwei Jahre dauern, bis Weber am 27.12.1969
Walter Hörstel berichten konnte: „Sie dürfen nicht denken, ich sitze
hier vergraben im stillen Schretstaken - wie häufig bin ich auf
Reisen und mitunter - wenn ich ungestört schaffe, gibt einer dem
anderen die Klinke in die Hand - ich habe in diesem Jahr schon
wochenlang weiter südlich verborgen abseits gesessen - und am
Grimmelshausen, am Simplizissimus gearbeitet. - Als Extrakt
entstanden 45 Lithographien.“
Der Künstler fertigte zunächst Kohleskizzen, dann Federzeichnungen,
schließlich lithographierte er „Entstehungen“, denen dann die
endgültigen Lithographien folgten. Die Bilder waren von Anfang an
kleinformatig gehalten, so daß sie für den Abdruck im Buch nur
unwesentlich verkleinert werden brauchten. Im Stil locker und
schwungvoll, schöpften sie tief aus der barocken Sinnlichkeit und
Derbheit, aber auch aus den Scheußlichkeiten des Dreißigjährigen
Krieges (Abb. 339).
Nach fast vier Jahren Arbeit erschien das Buch 1971, zwei Jahre
später gab es eine weitere Auflage bei Hoffmann und Campe. Im
Klappentext hieß es, „daß Grimmelshausen nicht nur Weltzustände und
Kriegsschicksale in barocken Bildern festhielt, sondern gleichzeitig
... auch das Wesen des Menschen zu ergründen suchte. Um das Wesen
des Menschen aber geht es auch dem Illustrator A. Paul Weber. ...
Die Sprache seiner Bilder verbindet sich mit der Sprache des Romans
zu einem künstlerischen Ganzen von seltener Einheit und
Geschlossenheit.“
Für eine Neuausgabe des 1788 erschienenen Buches „Über den Umgang
mit Menschen“ des als Autorität in Benimmfragen geltenden Adolph
Freiherr von Knigge schuf Weber 1973 ganzseitige Federzeichnungen
(Abb. 340). Auch bei seinen späten Buchillustrationen hatte er stets
das Gesamtergebnis im Auge. Die Güte eines Buches zeichnete sich für
ihn nicht nur durch die Qualität der Illustrationen aus, auch die
Proportionen des Formates, Papierqualität, Schrifttype, Satzspiegel,
Einbandgestaltung und andere Faktoren betrachtete er mit kritischem
Blick. Der Concept-Verlag mußte auf Webers massiven Einspruch hin
die erste Auflage des Buches wieder vom Markt nehmen, da die
Rückseiten der 25 Illustrationen nicht - wie vereinbart - frei
geblieben, sondern mit Text bedruckt worden waren, der durchschien
und die Bilder beeinträchtigte. Eine zweite, dahingehend verbesserte
Auflage folgte umgehend. Einer Vorzugsausgabe von 200 Exemplaren lag
die Original-Lithographie „Drei Marabus im Gespräch“ bei. Ein
skurriler Einfall Webers war es, trotz - oder gerade wegen - des
Titels in den Bildern ausschließlich Tiere agieren zu lassen.
Wahrscheinlich inspirierten ihn ähnliche Motive im Werk von
Grandville.(Anm. 24) So führen diese - nach dem Prinzip der Fabel -
in amüsanter Art und Weise das Fehlverhalten der Menschen vor, wobei
sich Knigge keineswegs nur auf oberflächliche Verhaltensregeln
beschränkte, sondern auch Einsicht in menschliche Unzulänglichkeiten
vermittelte.
1974 wurde in der „bücherstube am theater“ (Abb. 341) in Bonn eine
Ausstellung zum 50.Todestag von Franz Kafka gezeigt. Auf Bitten der
Galeristin Anne Klug-Kirschstein und des Weber-Freundes Günther
Nicolin schuf er eigens zu dieser Ausstellung bzw. zu der
begleitenden Publikation(Anm. 25) in kürzester Zeit Bilder zu
Erzählungen Kafkas. Es entstanden 11 Lithographien,(Anm. 26) die das
Phantastische, vor allem aber das Bedrohliche der Kafka-Erzählungen
adäquat wiedergeben. Das Blatt „Die Brücke“ (Abb. 342) zeigt einen
Mann, der sich in der gleichnamigen Erzählung von 1917 in eine
Brücke verwandelt glaubt: „Ich war steif und kalt. Ich war eine
Brücke ... Er kam, mit der Eisenspitze seines Stockes beklopfte er
mich.“
Die Lithographien waren ausschließlich für die Ausstellung bestimmt
- eine Veröffentlichung im Zusammenhang mit den Texten Kafkas gab es
nicht.
Ein Wunsch erfüllte sich: Das „Tierbilderbuch“
Seit 1953 verfolgte Weber beharrlich den Plan, ein Buch mit
seinen heiteren Tierbildern herauszubringen, deren Grundstock er mit
den Zeichnungen zum Lichtwark-Kalender gelegt hatte. Wieder und
wieder kündigte er Freunden das baldige Erscheinen an und versuchte
Verlegern das Projekt schmackhaft zu machen. Zehn Jahre nach dem
Scheitern des Projektes mit dem Piper-Verlag lockte Weber den
ECON-Verlag in Vaduz: „ ... ein Tierbilderbuch als „Volksbuch“
gedacht, für jung und alt - bei dem idyllische, ironische und
satirische Themen wechseln.“
Besonders im Jahre 1959 hatte er zahlreiche gleichgroße, stets
querformatige Lithographien zu diesem Themenkomplex geschaffen. Zu
einer Publikation war es damals jedoch nicht gekommen. Fast alle in
den 50er Jahren für den Lichtwark-Kalender entstandenen Motive hatte
er schon in Lithographien verbessert umgesetzt und zahlreiche neue
Motive hinzugefügt.
Erst 1974 kam es für den nun über 80jährigen Künstler (Abb. 343) zur
Erfüllung dieses langgehegten Herzenswunsches und damit zu einem
anachronistischen Kuriosum: Die mit handschriftlichem Text versehene
Titelseite atmete den Geist der späten 50er Jahre, der Inhalt des
Bilderbuches bestand aus 40 Lithographien aus dem Jahr 1959
(vereinzelte vom Anfang der 60er Jahre). Nur elf neue Lithos aus dem
Jahr 1974 kamen hinzu, die Weber aber im Stil den alten weitgehend
anglich (Abb. 344). Daß der Zeitunterschied von 15 Jahren kaum
auffällt, zeigt, wie wenig Webers Zeichenstil sich in dieser
Zeitspanne verändert hatte. Trotz der geringen „Modernität“ - oder
gerade deswegen - traf er den Geschmack seines Publikums. Der Reiz
dieser possierlichen Bilder besteht in der inhaltlichen Vielfalt,
dem Einfallsreichtum, der Treffsicherheit der Pointen und der
handwerklichen Perfektion jenseits von Moden und Zeitgeschmack.
Im Klappentext ging man auf die satirische Schärfe einiger weniger
Bilder ein, um dann zu bemerken: „Daneben steht eine Fülle von
Blättern, die, ohne kritische Absicht, nur Ausdruck der
Interpretation sind, die A. Paul Weber dem Reich der Tiere zu geben
vermag: ein Hamster- und ein Otterpärchen; ein Kater, die Mandoline
im Mondschein schlagend; ein Frosch-Quartett, das unter dem Eis des
Dorfteiches sehnsüchtig auf den Frühling wartet; Maikäfer im Schein
von Lampions, von der Maibowle beschwipst. In diesen ebenso
schnurrig-kauzigen wie hintergründig-tiefsinnigen Motiven drückt
sich A. Paul Webers Warmherzigkeit und seine Lebensphilosophie aus.
Gerade in den Blättern dieses Bandes erweist er sich als ein wahrer
Moralist des Herzens.“
Günther Nicolin schrieb in seiner Einleitung: „ ... launige
Einfälle, ironische Aperçus werden ins Bild gesetzt, komische
Situationen, alltägliche Idyllen genau beobachtet, wobei die
Darstellung von Aphoristischem bis zum Fabulierenden reicht. Man
könnte versucht sein, diese Bilder auf die knappe Formel „Mensch in
Tiergestalt“ zu bringen; man würde sie damit ihres eigentlichen
Zaubers berauben, denn nicht allein um Menschliches geht es, sondern
um die Erfahrung und Darstellung der Tiere in ihrer ureigensten
Natur. Das Mittel des Kontrastes verstärkt zuweilen den heiteren
Effekt. Da segeln plötzlich Würmer, die erdverbundenen Wesen, im
Ballon ferienhalber über Städte und Länder ... Oder ein
schwergewichtiges Nilpferdpaar widmet sich dem graziösen Spiel des
Federballs.“
Ein Wunsch blieb: Das Schachspielerbuch
Auch die Publikation von Webers Motivserie der Schachspieler,
die er während seiner Haftzeit 1937 begonnen hatte, stellte sich als
„unendliche Geschichte“ heraus. Zwar war er diesem Ziel 1941 sehr
nahe gekommen, als er mit dem Goverts-Verlag bereits den Vertrag
über ein Buch mit 32 Schachspieler-Motiven aufgesetzt hatte; jedoch
zerschlugen sich diese Pläne damals. 1969 schrieb er an den
ECON-Verlag, dem er neben dem Tierbilderbuch auch noch
Illustrationen zu Villon angeboten hatte: „Dann die Schachspieler,
die farbigen Blätter, die ... (1942-43) schon Dr. Claessen(Anm. 27)
[!] publizieren wollte - aber erweitert ...“
Bis zu seinem Lebensende hatte Weber den Plan niemals aufgegeben und
trieb die „Erweiterung“ dieser Serie voran. Motiviert durch die Idee
Günther Nicolins, 1976 eine retrospektive Ausstellung zu dieser
Thematik in Ratzeburg zu zeigen, entstanden von Ende 1975 bis 1977
mehr als 60 neue Werke. Weber arbeitete wie besessen daran, immer
aktuellere Motive hinzuzufügen und die alten zu verbessern. Statt
der kleinen, kolorierten Federzeichnungen aus den 30er und 40er
Jahren entstanden nun Lithographien in großen Querformaten, von
denen viele ebenfalls koloriert wurden. Schachspieler und Farbe
gehörten für Weber zusammen. Allerdings scheute er die sehr
aufwendige Herstellung von Farblithographien.
Es entstanden neue Partien zwischen Fabeltieren, Politikern,
historischen, mythologischen und literarischen Figuren. So sitzen
sich u.a. am Schachbrett gegenüber: Reineke Fuchs und König Nobel,
Esel als Diplomaten, Füchse als Anwälte, Faun und Nymphe, Affe und
Philosoph, Arzt und Patient, Harlekin und Pierrot, Eulenspiegel und
der Pfeffersack, Thomas und Heinrich Mann, Don Quichotte und Sancho
Pansa, Franco und der Stier, Achill und Hektor, Talleyrand und
Barras, US-Kavallerist und Indianer, Ohm Krüger und Queen Victoria,
Bismarck und ein Jesuit, Wilhelm II. und die „vaterlandslosen
Gesellen“, Lenin und der Zar, Daily Mirror und Daily Telegraph, ein
Mafioso und die Justiz, Dekan und Studenten oder die streitbare
Xanthippe (Abb. 345) - die Phantasie Webers schien unerschöpflich.
Auch zeitgenössische Persönlichkeiten der Politik ließ Weber am
Schachbrett Platz nehmen: So spielt etwa der bayerische
Ministerpräsident Franz Josef Strauß in Lederhosen gegen einen
linken Intellektuellen; neben ihnen stehen die passenden Getränke,
die den Bildtitel lieferten: „Doppelbock und Orangeade“. Unter dem
Titel „Die Meister I“ (Abb. 346) findet eine diplomatische Partie
zwischen dem französischen Staatschef Charles de Gaulle und dem
deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer statt, ein Motiv, das auf
den zwischen beiden geschlossenen deutsch-französischen
Freundschaftsvertrag anspielte. Adenauer tritt als Fuchs in
Erscheinung, de Gaulle wird als gallischer Hahn dargestellt.
„Gewiß eine Utopie, daß Konflikte im rein Geistigen ausgetragen und
aufgehoben werden können, aber der Künstler weist nach, daß
Gegensatz und Widerspruch, der ‘Antagonismus der Kräfte’ (Schiller),
zum Instrument der Kultur und des Friedens werden können.“(Anm. 28)
Über 100 Motive entstanden nach fast stereotypem Kompositionsschema.
Seine Produktivität fand kein Ende - ein Blatt mit Helmut Schmidt
und Leonid Breschnew lithographierte Weber wenige Monate vor seinem
Tod. Eine Publikation als „Schachspielerbuch“ wurde immer wieder
hinausgeschoben und zu seinen Lebzeiten nicht mehr realisiert. Im
Geleitwort zu dem von Günther Nicolin schließlich acht Jahre nach
Webers Tod herausgegebenem Schachspielerbuch schilderte der
Schachgroßmeister Lothar Schmid seine Begegnung mit dem Künstler im
Jahre 1976. Dieser hatte ihm damals geschrieben: „In ersten
Fassungen und Skizzen-Handzeichnungen warten eine schon
beträchtliche Zahl, um auf den Stein übertragen zu werden ... und
ich gehe auch langsam auf Textsuche aus der ganzen Weltliteratur und
[brauche], wie es sich gibt, auch solche Texte, die zum Typ, zur
Geschichte der Figuren passen, ähnlich wie ich es immer in den
Kritischen Kalendern bisher gehalten habe. Ob Sie mir da helfen
können?“ Und im nächsten Brief: „ ... in Ratzeburg hängen an die 60
- 70 Themen zu den Schachspielern. ... Ohne Übertreibung: die
Aufgabe ist so schön und so groß, wohl die größte in meinem
Schaffen.“
Die Euphorie, mit der Weber erneut ans Werk ging, zeigt seine
unermüdliche Schaffenskraft und Begeisterungsfähigkeit selbst im
hohen Alter.
Dennoch - zahlreiche im letzten Lebensjahrzehnt entstandene
Lithographien können zwar immer noch mit treffenden Bildideen
aufwarten, erreichen aber nicht mehr die künstlerische Qualität
früherer Arbeiten. So fehlen vielen Blättern der großzügige Schwung,
die akribische Durcharbeitung der Details, die Sicherheit in der
Linienführung und die ästhetischen Wirkung, die selbst erschreckende
Themen durchdrungen hatte.
Gesellschaftskritische Bilder der 70er Jahre
Für Webers Graphiken blieb der „Kritische Kalender“ das
entscheidende Publikationsorgan. Durch den finanziell risikoreichen
Eigenverlag gelang es dem Künstler, sich von Redakteuren und
Interessengruppen unabhängig zu machen, die möglicherweise die
Veröffentlichung manches kritischen Bildes verhindert hätten. So
bieten die Kalender ein breites Spektrum an fast durchgängig
aktuellen Arbeiten zu den unterschiedlichsten Mißständen unserer
Gesellschaft.
Nach wie vor gestaltete sich der Vertrieb mühsam und es war
schwierig, sich in der Flut der Neuerscheinungen zu behaupten. Weber
stellte dies in der Lithographie „Auf gen Frankfurt“ von 1967 dar,
die 1969 im „Kritischen Kalender“ veröffentlicht wurde. Sie zeigte
den Trubel auf der Frankfurter Buchmesse. Man muß sehr genau
hinsehen, um oben links in der Ecke - fast verdeckt von den
protzigen Wagen der Verleger mit ihren „Zugpferden“ - den kleinen
Handwagen mit den „Kritischen Kalendern“ zu entdecken, den der
Künstler, einen Wimpel mit dem Clan-Presse-Emblem geschultert,
persönlich zieht. Nur der Fuchs hilft bei der offensichtlich
mühevollen Aktion.
Obgleich Weber eine Zigarette oder eine Zigarre nicht verschmähte
und in den 50er Jahren mit Kurt A. Körber, einem Bergedorfer
Zigarettenautomatenhersteller, durch den Lichtwark-Kalender Kontakt
hatte, spielte er auf diesen in einem Blatt mit dem sarkastischen
Titel „Caritas“ an (Abb. 347), das im „Kritischen Kalender 1971“
erschien: Patienten bekommen im Krankenhaus großzügig die letzte
Zigarette verabreicht. Dem Bild wurde ein Text über Lungenkrebs und
Werbesprüche der Zigartettenindustrie wie „Frohen Herzens genießen“
an die Seite gestellt.
Die Unterdrückung der Meinungsfreiheit war ein Thema, das Weber seit
der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigte. Die Lithographie
„Hammerschläge“ (Abb. 348), die im „Kritischen Kalender 1972“ zu
einem Text aus Alexander Solschenizyns „Archipel Gulag“
veröffentlicht wurde, zeigte auch eine Technik, die Weber nur selten
anwandte: Der Lithographie-Stein wurde dabei angefeuchtet und mit
der Rohrfeder oder dem Pinsel direkt und schnell darauf gezeichnet.
Dies ergab die Dynamik der Zeichnung und veranschaulichte die Wucht
der Bewegung, die Brutalität der Aktion. Vier Fassungen entstanden,
bis er mit dem Ergebnis zufrieden war.
Im gleichen Jahr erschien das heitere Motiv „Herzlichen
Glückwunsch!“ - eines der Blätter, in denen sich Weber - mal mehr,
mal weniger humorig - mit der katholischen Kirche satirisch
auseinandersetzte. Hier erlangt ein Mönch die Freiheit und flüchtet
sich - unter dem Gejohle seiner Mitbrüder - in die Arme einer Braut
im Hochzeitskleid. Im „Kritischen Kalender“ stand dem Bild ein Text
von Constantin Brunner zur Seite, der sich kritisch mit dem Zölibat
beschäftigte: „Großartig muß diese Verkehrtheit der Kirche genannt
werden, womit sie der höchsten Unnatürlichkeit die Berechtigung des
Glaubens gab. Der Unsinn, Menschen die Liebe zu verbieten, ist ja
ungefähr so groß, wie ihnen das Essen und Atmen zu verbieten ...“
Über zehn Jahre hinweg schuf Weber eine kleine Folge mit Köpfen
zeitgenössischer Politiker wie Dubcek, Adenauer, Indira Ghandi,
Nixon, Tito, Khomeini, Teng Hsiaoping, Strauß oder Willy Brandt, den
er als Nußknacker im „Kritischen Kalender 1973“ darstellte. Der
Titel „Harte Nüsse“ bezog sich auf das Mißtrauensvotum gegen den
Bundeskanzler am 27.4.1972 und die Auflösung des Deutschen
Bundestages im September, nachdem durch Übertritte von SPD- und
FDP-Abgeordneten zur Union die Regierung im Laufe des Jahres ihre
Mehrheit verloren hatte.
Anders als die Karikaturisten der Tagespresse richtete sich Webers
Kritik selten auf konkrete Personen oder Ereignisse, sondern gegen
die Zustände als solche, wie z.B. gegen Militarismus, das Wettrüsten
und die Rüstungsausgaben. Konkret auf den Militärputsch in Chile am
11.9.1973 bezog sich allerdings die Lithographie „Die Gaukler“ (Abb.
349).
Den Siegeszug der elektronischen Medien gegenüber dem Buch sah der
Satiriker in dem Blatt „Obenauf“ (Abb. 350) im „Kritischen Kalender
1974“ kommen.
Klage gegen die Zerstörung der Umwelt zu führen, wurde Weber nie
müde. Im „Kritischen Kalender 1975“ veröffentlichte er die
Lithographie „Botanik 2000“ (Abb. 351). Ein Lehrer mit Blindenbrille
liest seiner Klasse aus einem Buch etwas über einen Baum vor, der
einsam in einer lebensfeindlich verbauten Umwelt verkümmert -
obgleich durch ein Gitter „geschützt“. Die alte Frau mit ihrem Hund
und der „abgeschobene“ Rollstuhlfahrer gehören wie der Baum zu den
Randgruppen der Gesellschaft, die im Hintergrund an den großen
Plakaten der Konsumtempel vorbeiströmt. So kritisch Weber die
Situation auch darstellte, machte er doch den Inhalt durch humorige
Details für den Betrachter erträglicher: Ein vom Bildrand
überschnittener Mops pinkelt mißmutig aufs Pflaster, weil ihm die
Bäume fehlen.
Die Endlagerung von Atommüll, unter Anspielung auf entsprechende
Euphemismen „Entsorgungspark“ betitelt, war Thema im Kalender von
1978 (Abb. 352): Der Tod wartet neben den Atommüllfässern auf dem
Meeresgrund und sieht erwartungsvoll nach oben.
Auf Mißstände im Bildungswesen, vor allem auf die Überfüllung der
Universitäten, zielte das Blatt „Numerus clausus“ (Abb. 353).
„Die Krise“ (Abb. 354) bezog sich auf die Verknappung von Erdöl in
den 70er Jahren: Ein Schreckgespenst empfiehlt dem feisten Europäer,
den Gürtel enger zu schnallen.
Professoren-Titel und Bundesverdienstkreuz
So groß das Ansehen war, das Weber unter seinen Anhängern
genoß - die breite öffentliche Anerkennung blieb ihm auch in den
60er Jahren versagt. Daran änderte selbst die Verleihung der
Hans-Thoma-Medaille im Beisein von Theodor Heuss in Reutlingen
wenig, ebenso die Ehrenmitgliedschaft in der
Wilhelm-Busch-Gesellschaft 1964 oder die Verleihung des
Joseph-Drexel-Preises 1966 in Nürnberg „für besondere Leistungen auf
dem Gebiet der Publizistik“.
Das Jahr 1971 brachte für den nunmehr 78jährigen Künstler eine
überraschende Wende: Die Universität Kiel ernannte ihn auf Antrag
von Bischof Hermann Kunst im Frühjahr 1971 zum Professor
ehrenhalber. Dieser offiziellen Anerkennung seiner künstlerischen
Leistungen folgte eine weitere durch die Bundesrepublik Deutschland.
Am 1.12.1970 besuchte Bundespräsident Gustav Heinemann den Künstler
in Groß-Schretstaken. Heinemann schätzte dessen Werke bereits seit
längerer Zeit und hatte mehrere Graphiken in seinen Diensträumen
hängen. Er war durch eine kleine Ausstellung in Bonn auf den
Künstler und sein Werk aufmerksam geworden, als er noch
Bundesjustizminister gewesen war. In seiner Eigenschaft als
Bundespräsident verlieh er Weber das Große Bundesverdienstkreuz.
Acht Tage vor der Verleihung schrieb Weber an Marianne Karsch: „ ...
Im Westerwald zeichnete ich unter anderem Skizzen zu
Ordensverleihungen ... als ich heimkam lag die Einladung zur Feier
am 10.8. auf dem Tisch - als Schaffender = ‘bitte, sei erhaben
darüber’ - als mein eigener Verleger aber doch höchst erfreut - so
lange man noch nicht auf etwas anderes verfallen ist - wie und mit
was man einem Künstler wirklich eine Freude macht - mag es so
hingehen.“
Hatte der Satiriker noch 1960 die Verleihung der
Bundesverdienstkreuze an „Bücklinge“ verspottet (vgl. Abb. 318), so
nahm er am 10.8.1971 dennoch die Ehrung im Ratzeburger Kreishaus
erfreut entgegen. „Mit dieser hohen Auszeichnung ehrt die
Bundesrepublik einen Künstler von wahrhaft europäischem Format“
führte Staatssekretär Borzikowski vom schleswig-holsteinischen
Kultusministerium bei der Verleihung aus und fuhr fort: „Was von A.
Paul Weber meisterlich ins Bild gebannt wird, ist unsere eigene
Wirklichkeit: Aus der Fülle der Ereignisse wird Entscheidendes
herausgegriffen, ins Typische gewandelt, zu Chiffren geprägt, in
denen die reißend dahinströmende Bewegung und das schwer
durchdringbare Geschehen zu gültigen Signaturen des Erlebten
zusammenfallen. So ist Webers Schaffen auch ein Zeichen dafür, daß
die ungeheuerlichen Erfahrungen, die gemacht, die Verhängnisse, die
durchlitten wurden, nicht ohne Widerhall geblieben, daß in der Tiefe
läuternde, heilende, bewahrende Kräfte wirksam sind, die dem Bild
des Menschen, das diesen Namen verdient, unbeirrbar verpflichtet
bleiben.“
Der „Stern“ druckte Webers satirische Lithographie zusammen mit
einem Foto des ordengeschmückten Künstlers ab und schrieb dazu:
„Weber, dessen Arbeiten auch Ordensverleihungen karikieren ...
kommentierte die Verleihung des Ordens knapp:’Wer hätte das
gedacht.’“ (Anm. 29)
Am 10.10.1971 schrieb er an Walter Hörstel: „Nach dem Besuch von
Heinemann und den ‘Ehrungen’ weht eine andere - bessere Luft - Was
bei uns das doch ausmacht! aber im Stillen - der Neid - die Tücke -
sie bleiben - man gibt es auch auf - oder betreibt es vorsichtiger -
mir Knüppelchen zwischen die Beine zu stecken.“
Fast parallel zu den großen Ehrungen fand ein Gerichtsprozeß statt,
den Weber gegen die rechtsradikale NPD führte. Während des
bayerischen Landtagswahlkampfes im November 1970 wurde von der NPD
im Raum Nürnberg ein Flugblatt mit der Aufschrift „Keine Anerkennung
der Ulbricht-Diktatur und der linken Mauer-Mörder!“ verteilt, das
auf der Vorderseite Webers Lithographie „Rückgrat raus!“ (vgl. Abb.
287) zeigte, die ohne seine Zustimmung abgedruckt worden war. Der
Kopf des Operateurs war darüberhinaus mit dem Emblem von Hammer und
Sichel verfremdet. Durch einstweilige Verfügung wurde am 5.11.1970
die Verbreitung verboten. Am 12.5.1971 erging ein Urteil, das eine
Vernichtung aller Flugblätter vorsah, von den Beklagten jedoch
angefochten wurde, da sich deren Zuständigkeit für den Inhalt der
Flugblätter nicht einwandfrei klären ließ. Wieder verfing sich der
Künstler in den Fallstricken juristischer Spitzfindigkeiten. Am
8.2.1972 erging ein endgültiges Urteil, das Weber zwar eine
Richtigstellung in der Presse zugestand, ihn jedoch mit der Zahlung
von einem Drittel der Prozeßkosten belastete.
Auch mit dem „Denunzianten“ erging es ihm ähnlich: Das Motiv
schmückte zwar 1979 das Plakat des Russel-Tribunales zur
Untersuchung von Menschenrechtsverletzungen in der Bundesrepublik
Deutschland, ebenso aber ein NPD-Wahlplakat ....
Ein eigenes Museum
Die offiziellen Ehrungen mögen mit dazu beigetragen haben,
daß der Kreis Herzogtum Lauenburg, in dem Weber nun seit 35 Jahren
lebte, sich anschickte, den Künstler ebenfalls zu würdigen. Nachdem
schon seit 1969 entsprechende Ideen besprochen worden waren, das
„Gesamtwerk“ Webers für den Kreis zu erwerben, wurde auf der
Kreistagssitzung vom 22.12.1971 - vier Monate nach der Verleihung
des Bundesverdienstkreuzes - beschlossen, ein historisches Gebäude
auf der Domhalbinsel in Ratzeburg zu kaufen, das einmal eine
Sammlung der Werke beherbergen solle. Es lag neben dem feudalen
Herrenhaus der mecklenburgischen Herzöge, dem Domorganistenhaus und
dem romanischen Dom Heinrichs des Löwen, eingebunden in ein
kulturell wie architektonisch einmaliges Ensemble, idyllisch in
einem 7000 qm großen Park gelegen, umgeben vom Ratzeburger See (Abb.
355). 1642 war es von einem Domherrn bewohnt worden, zuletzt befand
es sich im Besitz der Offiziersfamilie Nonnig. Am 22.12.1971
beschloß der Kreistag mit knapper Mehrheit gegen die Stimmen der
SPD, die sich für einen Abriß der maroden „Klamotte“ aussprach, das
Haus zu erwerben und - knapp ein Jahr später - es zu sanieren. In
der Niederschrift hieß es: „Herr Weber habe sich mit ihm [dem
Landrat] zusammen vor einigen Tagen das Gebäude angesehen, nachdem
der baufällige Innenhof im Rahmen einer Übung durch das THW
abgerissen worden war und sei mit der Unterbringung seines Werkes
dort voll einverstanden.“
Lange führte der Landrat Klaus Prößdorf Verhandlungen mit dem
Künstler über dessen „Lebenswerk“, das für eine Summe von 100.000 DM
ins Archiv des Museums kommen sollte. Doch ein entsprechender
Vertrag kam erst Jahre später zustande. Weber schrieb am 10.10.1971
an Walter Hörstel: „ ... dann das APW-Archiv (Museum) auf der
Dominsel in Ratzeburg - ein großes Objekt - das vorerst alle Lithos
- am liebsten mein ganzes Lebenswerk umfassen soll - da setzt es
Verhandlungen (Verträge etc.), Besuche - Gespräche mit der Behörde
(Finanzexperten) - Wenn alles gut läuft - wird das eine schöne
gewichtige Sache.“
Nach umfangreichen Restaurierungsmaßnahmen, an denen Weber selbst
Anteil nahm und auch mit seinen Söhnen bei der Inneneinrichtung des
Hauses handwerklich zupackte, wurde das „Weber-Haus“ am 30.9.1973,
kurz vor dem 80.Geburtstag des Künstlers, eingeweiht.
Bundespräsident Gustav Heinemann kam eigens nach Ratzeburg, um das
Museum feierlich zu eröffnen und wurde durch die Räume des
zweigeschossigen Hauses geführt (Abb. 356). Überliefert ist ein
Ausspruch Heinemanns über seine Beziehung zu Weber: „Wir mögen uns!
Wir sind beide schwierig.“ Auch Ministerpräsident Gerhard
Stoltenberg und das gesamte schleswig-holsteinische Landtagskabinett
nahmen teil. Stoltenberg sagte in seiner Rede: „Ich erblicke in dem
Künstler Weber nicht nur den Mann, der Hitler von seinen Anfängen an
widerstand. Ich erblicke in ihm auch einen Kritiker an der Realität
unserer Demokratie überall dort, wo sie droht, im Menschlichen allzu
Menschlichen steckenzubleiben: Im Ehrgeiz und Egoismus.“
Noch kurz vor der Eröffnung zeichnete Weber an Blättern, die er im
Haus ausstellen wollte. Eines der wenigen Motive im Werk des
Künstlers, das einen Bezug zu seiner lauenburgischen Wahlheimat
aufwies, war „Der Achter“ (Abb. 357), ein mit acht Füchsen besetztes
Ruderboot und dem Möllner Eulenspiegel als Steuermann, das auf die
Ratzeburger Erfolge im Rudersport anspielte. Durch die neuartigen
Trainingsmethoden von Karl Adam hatten die Ratzeburger Ruderer
weltweiten Ruhm durch Olympiasiege und Weltmeistertitel errungen.
Die Federzeichnung wurde drei Tage vor der Eröffnung fertig, jedoch
vergaß der Künstler die Ruder auf einer Seite. Darauf aufmerksam
gemacht, rahmte er das Blatt wieder aus und fügte das Vergessene
hinzu.
Nur wenigen Künstlern war es vergönnt, bereits zu Lebzeiten ein
eigenes Museum zu haben. Für Weber richtete man im Dachgeschoß des
Hauses sogar einen Atelierraum ein, den er aber nur selten benutzte.
Der angestrebte Vertrag kam erst am 20.9.1974 zustande. Der Kreis
Herzogtum Lauenburg erklärte sich bereit, „in Ratzeburg unter der
Trägerschaft des Kreises eine Stätte zu schaffen, in der das
künstlerische Lebenswerk zusammengefaßt und bewahrt und in einer
umfassenden Gesamtdarstellung der Öffentlichkeit ... zugänglich
gemacht werden soll.“ Weiterhin sollte Weber für 160.000 DM „sein
wesentliches lithographisches Lebenswerk sowie einen möglichst
umfangreichen repräsentativen Bestand aus seinem übrigen
künstlerischen Schaffen“ in das Archiv des Hauses übereignen.(Anm.
30)
Bei den vielen Arbeiten, die er sich nach wie vor selbst stellte,
war das Problem, von jeder der fast 3.000 Lithographien einen Abzug
an das Museum abzugeben, in absehbarer Zeit nicht zu bewältigen. Um
die Abwicklung des Vertrages auch nach seinem Tod sicherzustellen,
setzte er Günther Nicolin als Testamentsvollstrecker ein - eine
Erklärung, die er später aber widerrief. Auf Bitten des Landrates
baute der engagierte Oberstudienrat aber jeweils während der Ferien
ab 1974 im Museum ein Archiv auf und organisierte
Wechselausstellungen. Für die Inventarisierung der Werke entwarf
Weber ein Signet. Die Schausammlung wurden von ihm selbst gehängt
und immer wieder verändert. Im März 1979 konnte der Künstler den
100.000. Besucher des Museums noch persönlich willkommen heißen.
Die Wertschätzung, die Weber in diesen Jahren erfuhr, wurde noch
durch die Feierlichkeiten zu seinem 80.Geburtstag gesteigert.
Zahlreiche Ausstellungen wurden veranstaltet, viele lobende Artikel
erschienen in der Presse. Vor allem die Bilder aus der Zeit des
Dritten Reiches wurden beachtet. Viele der Originalzeichnungen, die
in den 30er Jahren für die Publikationen des Widerstands-Verlages
entstanden waren, hatten die Redakteure behalten, die Gestapo
beschlagnahmt oder waren vom Künstler selbst verkauft oder
verschenkt worden. In den 60er Jahren lithographierte er alle
wichtigen Bildthemen aus dieser Zeit neu und stellte daraus einige
Mappen zusammen, von denen er eine Ernst Niekisch, eine weitere
Joseph Drexel schenkte.
Durch das Lithographieren dieser Motive standen sie nun auch für
Ausstellungen mehrfach zur Verfügung. Eine davon fand in der „bücherstube
am theater“ in Bonn statt. Parallel dazu wurde dort ein Empfang im
Haus der Evangelischen Kirche ausgerichtet; der Bevollmächtigte des
Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Hermann
Kunst, der vier Jahre später Vorsitzender der A. Paul
Weber-Gesellschaft werden sollte, hielt die Laudatio vor
hochrangiger politischer Prominenz, etwa der Bundestagspräsidentin
Annemarie Renger, Rainer Barzel, dem späteren Bundespräsidenten
Roman Herzog und Altbundeskanzler Ludwig Erhard. Bundespräsident
Gustav Heinemann schrieb am 28.10.1973 an Weber: „Leider bin ich
wegen Abwesenheit verhindert, an den Veranstaltungen für Sie in Bonn
teilzunehmen. Um so nachdrücklicher möchte ich Ihnen versichern, daß
ich zu den Bewunderern Ihrer Arbeiten gehöre und daß ich vor dem
mutigen, kämpferischen und verantwortungsbewußten Leben, das Sie
führen, hohe Achtung empfinde. Viele Bürger sind - wie ich -
betroffen von der Wirkung, die von Ihren Lithographien ausgeht. Sie
enthüllen die Wirklichkeit, in der wir leben.“
Die A. Paul Weber-Gesellschaft
Am 27.10.1974 wurde die A. Paul Weber-Gesellschaft gegründet.
Es war zunächst die Absicht des Landrates Klaus Prößdorf, dem Museum
einen Partner zur finanziellen Unterstützung an die Seite zu geben.
Erster Vorsitzender wurde auf Vorschlag Webers sein langjähriger
Freund Otto Monsheimer, der schon früher durch Publikationen über
den Künstler in Erscheinung getreten war.
Der gemeinnützige Verein wollte „das künstlerische Lebenswerk ...
für die Nachwelt lebendig erhalten, der Allgemeinheit näherbringen
und die wissenschaftliche Forschung darüber fördern. Diesem Zweck
sollen insbesondere dienen: a) Förderung des ... A. Paul
Weber-Hauses sowie des in ihm untergebrachten A. Paul Weber-Archivs;
b) Ausstellungen im In- und Ausland ... c) die Sammlung von Werken
A. Paul Webers, von Illustrationen, Büchern, Zeitschriften und
sonstigem biographisch oder kunstbiographisch wichtigem Schriftgut
und Erinnerungsstücken; d) die Förderung der biographischen,
kunstbiographischen und wissenschaftlichen Arbeiten des A. Paul
Weber-Archivs.“(Anm. 31)
Regelmäßige Jahrestagungen wurden abgehalten, an denen auch der
Künstler anfangs teilnahm. Von den Vorträgen der eingeladenen
Referenten zeigte er sich „schwer beeindruckt“ oder amüsiert. Um die
Tagungen attraktiver zu machen, druckte Sohn Christian vor den Augen
der ständig wachsenden Zahl von Mitgliedern hierfür von Weber eigens
gezeichnete Lithographien als „Tagesdrucke“. Die Gesellschaft gab
eine Schriftenreihe mit Beiträgen zu Aspekten von Webers Werk
heraus.
Trotz der vielen Ehrungen und Preise, die Weber empfing, hoffte er
doch vergeblich auf einen solchen aus der Hand seines früheren
Mäzens Alfred Toepfer. Dessen Stiftungen verliehen zahlreiche
Auszeichnungen, auch an bildende Künstler. Anfang der 70er Jahre
hatte Toepfer dem Kuratorium des Rembrandt-Preises Weber erfolglos
als Preisträger vorgeschlagen. Die Verleihung des Van Vondel-Preises
scheiterte hingegen an der Weigerung des Künstlers, hierfür eigens
Arbeiten zur Bewerbung einzureichen. Diese Forderung kränkte ihn, so
daß er noch 1977 das bissige Bild „Der Stifter“ zeichnete und es in
seinem „Kritischen Kalender 1979“ veröffentlichte (Abb. 358). Es
zeigt Toepfer in einer Art Festwagen, der im Huldigungszug durch
Hamburg fährt. Die Töpfe am Wagen sind Hinweise auf den Namen. Die
Figuren auf den Bäumen erinnern ikonographisch an Bilder vom Einzug
Jesu in Jerusalem. Die Menge jubelt und hält in Erwartung der auf
dem Wagen bereitgehaltenen Geldsäcke die Hüte auf. Als „Zugtiere“
sind Rembrandt, Mozart, Goethe und der Freiherr vom Stein „vor den
Karren gespannt“. Sie weisen auf die gleichnamigen Stiftungen
Toepfers hin, in die dieser über 200 Millionen DM fließen ließ. Der
Wagen wird jedoch von höchst zwielichtigen Gestalten geschoben.
Hinter Toepfer bläht sich ein Segel mit dem Hamburger Wappen,
dahinter lacht aber der Totenschädel einer Piratenflagge. Im
Hintergrund wird ein nacktes Baby mit einem Lorbeerkranz gekürt und
dessen beschmutzte Windel als künstlerische Leistung mit Posaunen
gefeiert.
Retrospektiven in Island und Bonn
Weber-Ausstellungen fanden nicht nur in Deutschland statt;
schon 1956 erhielt der Künstler Gelegenheit, in den Niederlanden
auszustellen.(Anm. 32) Weitere Ausstellungen im europäischen Ausland
folgten.(Anm. 33)
Ein besonderes Erlebnis für Weber war jedoch die bislang größte
Retrospektive seiner Werke vom 24.6. - 12.7.1977 in Island (Abb.
359). In Reykjavik half der 83jährige eigenhändig beim Entladen der
160 Bilder aus einem Container, der von einem Frachtschiff
angeliefert wurde. Das Goethe-Institut und der isländische
Grafikverein unterstützten tatkräftig. Ein Fernseh-Team des
Norddeutschen Rundfunks begleitete Weber und die Ausstellung. (Anm.
34) Auf der Pressekonferenz wurde er gefragt, ob es seiner Meinung
nach zuviel Dummheit auf der Welt gäbe. Die lakonische Antwort war:
„Mir genügt’s vollkommen.“
Der auf den ersten Blick ungewöhnlich anmutende Ausstellungsort am
Ende der Welt ging auf eine Idee von Gerhard Schwabe zurück. Der mit
Weber befreundeten Plöner Ökologe war 1974 für seine Verdienste um
die Anerkennung der 50-Meilen-Zone Islands mit dem Ritterkreuz des
isländischen Falkenordens ausgezeichnet worden. Der Wissenschaftler
hatte den Künstler daraufhin für diesen Ausstellungsort begeistern
können „weil A. Paul Weber den Isländern viel zu sagen hat - und
Island ihm viel zu sagen hat.“ Schwabe sollte damit Recht behalten.
Besonders die Blätter zur Umwelt-Thematik und die
Schachspieler-Bilder beeindruckten das Publikum. Zu den Besuchern
zählten der isländische Staatspräsident und - anläßlich eines
Island-Besuches - auch der deutsche Bundeskanzler.
Weber war von der kargen Naturschönheit der Insel so beeindruckt,
daß er versprach, wiederzukommen. Bereits wenige Monate später
folgte er der Einladung, als Gastdozent in der „Schule für Bildende
Kunst und Kunstgewerbe Reykjavik“ Lithographie zu unterrichten.
Hierbei unterstützte ihn der bereits lange auf Island lebende
österreichische Graphiker Richard Valtingojer als Dolmetscher und
Organisator. Die nur im bayerischen Solnhofen vorkommenden
Lithographie-Steine mußten aus Deutschland per Schiff eingeführt
werden. Um die hohen Zollabgaben zu umgehen, deklarierte man die
Ladung als Grabplatten, deren Einfuhr zollfrei war. Wie bei vielen
Gelegenheiten begleitete ihn der Ratzeburger Fotograf Hans-Jürgen
Wohlfahrt(Anm. 35), der seit 1963 Weber in zahlreichen Aufnahmen
festhielt.(Anm. 36) Wohlfahrt berichtete: „Ein für Webers Art und
Humor sehr typischer Dialog ergab sich im Anschluß an ein Essen, zu
dem der deutsche Botschafter in seiner Reykjaviker Residenz zu Ehren
des Künstlers eingeladen hatte. Die Frau des Botschafters scharte
die anwesenden Damen um sich, während der Botschafter die Herren in
einen anderen Raum führte. Es durfte geraucht werden. Weber bat um
eine Zigarre. Der Botschafter ließ unverzüglich eine Kiste
exquisiter Brasil kommen. Eigenhändig öffnete er die Kiste und
reichte sie Weber zur Bedienung. Wie gebannt starrten alle
Anwesenden auf die sich anschließende Zelebration des Anzündens
einer Zigarre. Weber zog genußvoll und sah dem Rauch nach. Der
Botschafter neigte sich schließlich vor und erkundigte sich höflich,
ob sie denn auch schmecke. Weber zog noch einmal kräftig, blickte
schelmisch in die Runde und sagte dann zum Botschafter: ’Wissen Sie,
wenn Sie mal jemanden haben, den Sie gar nicht mögen, dem schenken
Sie am besten die ganze Kiste!’“(Anm. 37)
Auch in Deutschland fand im Jahr darauf anläßlich Webers
85.Geburtstages eine beeindruckende Retrospektive statt, die 1978
zunächst im Rheinischen Landesmuseum in Bonn, kurz danach im
Landesmuseum in Münster gezeigt wurde. Weit mehr als 10.000 Besucher
sahen die 260 Bilder.
Auseinandersetzungen und Anfeindungen
Webers Streben ging ein Leben lang dahin, ruhig und ungestört
„schaffen“ zu können. Zwar mochte ihm der Trubel, der in den 70er
Jahren um seine Person entstand, vordergründig geschmeichelt und die
Demütigungen, die er als Künstler im Laufe der Zeit hatte erdulden
müssen, gelindert haben. Doch war es auf Dauer gesehen nicht in
seinem Sinne, allzusehr im Lichte der Öffentlichkeit zu stehen. Dies
umsomehr, als eine große Publizität nicht nur Verehrer auf den Plan
rief.
So wurde 1974 eine Weber-Ausstellung, die sich auf dem Rücktransport
von Salzburg befand, komplett gestohlen. Weber schrieb an Helmut
Langfeld: „ ... das kommt davon, wenn man ‘berühmt’ wird.“
1977 organisierte Werner Schartel in der „Elefanten Press - Galerie“
in Berlin eine 135 Bilder umfassende Wanderausstellung, die „Kunst
im Widerstand. A. Paul Weber. Das antifaschistische Werk“ betitelt
wurde. Das Interesse war überwältigend. Die Ausstellung zog drei
Jahre lang durch Deutschland, Schweden, Luxemburg, Frankreich und
Italien. In Mailand hatte man während des jährlichen Festivals der
Tageszeitung „l’Unità“, dem Zentralorgan der italienischen
Kommunisten mit täglich über 250.000 Exemplaren, im September 1978
einen eigenen Pavillon für die Ausstellung errichtet. Der
italienische Rundfunk übertrug live den Eröffnungsvortrag. Die
Zähluhren am Eingang der Ausstellung registrierten innerhalb von 10
Tagen 400.000 (!) Besucher. Das immense Publikumsinteresse und die
Begeisterung über den „Antifaschisten“ und „Widerstandskämpfer“
Weber riefen aber auch die Gegner des Künstlers auf den Plan. Schon
zur Ausstellungseröffnung in Berlin erschien am 6.10.1977 eine
Kritik im „Tagesspiegel“, der in den zurückliegenden Jahren häufig
Blätter Webers publiziert hatte. Werner Langer bezeichnete die
Ausstellung als „harmlos, unwissend oder zynisch“ und griff
besonders die „Britischen Bilder“ und den Zyklus „Leviathan“ auf, um
Weber als „mitlaufenden Konformisten“ anzuprangern; die
Leviathan-Reihe bezeichnete er als „faschistischen Höhepunkt im
Leben des Zeichners, der jetzt im Alter einen antifaschistischen
anstrebt“. Der Ausstellungskatalog bildete die genannten Blätter
zwar ab und betonte deren Bloßstellung des „Ausbeutungscharakters
des Imperialismus“, ging jedoch nicht auf deren komplexe
Publikationsgeschichte ein.
Der Artikel trat eine Lawine von gegensätzlichen Meinungen los, die
vielen Kreisen auch Gelegenheit zur langersehnten Abrechnung mit dem
unbequemen Künstler bot (Abb. 360). Alle Seiten warfen sich
Skrupellosigkeit im Umgang mit dem historischen Material vor -
ausreichende Recherchen wurden selten betrieben, die Debatte wurde
äußerst emotional geführt. Die Werke Webers wurden als die eines
„Visionärs“ bezeichnet oder als „ungewisser, spökenkiekerischer
Mief“ beschimpft.
Der „Tagesspiegel“ verschärfte die Konfrontation, indem er am
6.11.1977 die Abbildung einer Zeichnung von 1930 abdruckte, die den
jüdischen Schriftsteller Kurt Tucholsky als aufgespießte Wanze
zeigte (vgl. Abb. 141). Weber hatte das Bild als Illustration zu dem
Buch „Literatenwäsche“ gezeichnet, in dem begleitend ein Gedicht von
Wilhelm Stapel mit antisemitischen Tendenzen abgedruckt worden war.
Tucholsky hatte damals in einer Rezension den Text des Buches
abgekanzelt, sich jedoch über die Zeichnungen Webers sehr amüsiert
und positiv geäußert.(Anm. 38)
Thomas Fecht organisierte eine öffentliche Diskussion über die
Ausstellung. Die Meinungen prallten unversöhnlich aufeinander. Weber
selbst äußerte sich öffentlich nicht dazu. In einer Mischung aus
Blauäugigkeit, Verständnislosigkeit und Spott kommentierte er
ironisch die Ereignisse in einem Brief an Marianne Karsch vom
9.11.1977: „In Berlin geht der Knatsch um den Tagesspiegel weiter
... man zitiert jetzt und zeigt jetzt aus der Literatenwäsche meine
Schandtaten - wenn sie erst dahinter kommen - daß ich als Jüngelchen
mit Matrosenkrägelchen meinem Fürsten Günther(Anm. 39) zugejubelt
habe - dann ist es wohl ganz aus.“
Solche Auseinandersetzungen waren für den Künstler nicht neu - seit
dem 2.Weltkrieg wurden die „Britischen Bilder“ stets neu „entdeckt“
und gaben zu Interpretationen Anlaß, die zumeist ohne hinreichende
Kenntnis des historischen Quellenmaterials ausgetragen wurden.
Dennoch ärgerte Weber sich über die Angelegenheit. Er zeichnete am
30.1.1978 eine Lithographie, die ein altes Motiv aus den 30er Jahren
aufgriff - „Die Heimsuchung“: In seinem Atelier ist der Künstler vor
Schreck ohnmächtig zusammengebrochen, als ein bärtiges Monstrum mit
Schnüffelnase, Blindenbrille, riesigen Lauschern und gezücktem
Notizblock ihn durch die Leinwand auf der Staffelei anspringt. Noch
deutlicher wurde er in dem Blatt „Das Ärgernis“, das in seinem
Todesjahr im „Kritischen Kalender 1980“ abgedruckt wurde: Weber
sitzt als Kauz auf einem Baum und betrachtet angewidert die
aufgebrachte Menge pöbelnder Zeitungsschreiber, die ihn zu lynchen
droht.
In einem Brief an Gerhard Grasshoff nahm er ansatzweise zu den
Ereignissen Stellung: „Auch die Annahme - ich hätte die
England-Bilder dem Hitler zur Propaganda gearbeitet ist ein dummer
Kohl - haben die Millionen Soldaten dem Adolf zuliebe geschossen -
Bomben geworfen - getötet? - oder taten sie es für Deutschland. Ich
werde dazu Stellung nehmen - wenn später die Biographie erscheinen
wird.“
Der 8. Auflage des 1981 überarbeiteten Ausstellungskataloges wurde
nun eine ausführliche Einleitung von Werner Schartel vorangestellt;
der Titel des Kataloges in „Kunst und Widerstand. A. Paul Weber.
Politische Zeichnungen seit 1929“ geändert. Weber war inzwischen
verstorben. Schartel schrieb: „Die Diskussion von Kunst und
Widerstand hat deutlich gemacht, daß A. Paul Webers Werk darin
seinen Platz hat, gleichzeitig wurden auch Grenzen und Widersprüche
deutlicher. Als bürgerlicher Künstler bewegt er sich, begleitet von
handfesten Widersprüchen, bis in die Details zwischen einem
abstrakten Humanismus und konkreter Parteilichkeit wie in den
Illustrationen zu ‘Hitler - ein deutsches Verhängnis’. Oft wurden
sicher auch Bilder aus einer eher unpolitischen Haltung heraus vom
Künstler geschaffen, die für viele zu politischen Codes wurden,
manchmal auch für seine Gegner. In der Stärke einer humanistischen
Grundhaltung ist mit deren Allgemeinheit auch zugleich die Schwäche
in den konkreten politischen Auseinandersetzungen angelegt.“
Noch einmal „Reineke Fuchs“
Webers letzte große Illustrationsarbeit ging 1977 in Druck:
Noch einmal hatte er Bilder zum „Reineke Fuchs“ gezeichnet, wie er
es bereits über ein halbes Jahrhundert zuvor getan hatte. Den 29
kleinformatigen Federzeichnungen der Ausgabe von 1924 standen nun 48
Rohrfederzeichnungen in einem Buch von wesentlich größerem Format
gegenüber. Weber kannte die romantischen Illustrationen des Stoffes
von Wilhelm von Kaulbach und knüpfte jetzt in seinen Arbeiten an
diese Tradition an. Der dynamische Strich der früheren Zeichnungen
war weicher geworden, das Braun der Sepia-Tusche wirkte nicht so
kontrastreich wie das Schwarz ehedem. Auch seine Sichtweise auf den
Fuchs und dessen Taten war im Alter milder und verständnisvoller,
der Stil fabulierfreudiger und märchenhafter geworden (Abb. 361).
So sitzt nun Reineke im ersten Bild auf dem ganzseitigen Frontispiz
in seinem Lehnstuhl und ist über der Zeitungslektüre eingeschlafen.
Im Ruhestand hält er kontemplative Rückschau auf ein bewegtes Leben.
Der listige Fuchs war zeitlebens Webers Lieblings- und
Identifikationsfigur geblieben. Es fällt nicht schwer, Parallelen
zum Lebensweg des Künstlers zu finden: Auch dessen Weg war
gekennzeichnet von der Auseinandersetzung mit den Herrschenden und
den Bequemen, den Kritikern und den Lästerern - auch für ihn hatte
es gefährliche Zeiten gegeben, die schwierig zu meistern waren.
Wie bei fast jedem seiner Buchprojekte fertigte Weber ein
Lay-out-Exemplar an, in dessen leere Seiten - hier über 200 - er die
Textblöcke mit dem Stand der zugehörigen Bilder sorgfältig
skizzierte (Abb. 362).
Im Klappentext des Buches hieß es: „Die vorliegende Ausgabe erhält
besonderen Reiz durch die Illustrationen, die A. Paul Weber, der
Altmeister der kritischen Graphik in Deutschland, in langen Jahren
der Beschäftigung mit diesem Werk geschaffen hat: Bilder, in denen
sich die Überzeitlichkeit der Fabel mit der Aktualität unserer
Wirklichkeit auf eine Weise verbindet, die Goethes ‘ironischem
Spiegel des Weltlaufs“ ebenbürtig ist.“
Vielseitigkeit demonstrierte der Künstler noch in seinen letzten
Lebensjahren mit unterschiedlichsten Themen. Aus Gefälligkeit für
den Griffelkunst-Vorsitzenden und Kaufmann Erich Arp schuf er die
beiden Folgen „Hunger und Durst“ und „Die Welt der Tiere“ mit je 12
Motiven, die von der Hamburger Firma Rode & Zerrath“ auf
Pozellanteller gedruckt wurden.
Anfang 1979 zeichnete er ebenfalls als freundschaftliche Geste für
den Ratzeburger Domorganisten Neithard Bethke einen Zyklus von neun
Lithographien mit heiteren, „musikalischen“ Themen, deren
Verkaufserlös der Domorgel zugute kam. Der streitbare Idealist wurde
von Weber in dem Motiv des „großen Orgellöwen“ liebevoll karikiert.
Die Auflage war zwar auf 70 Folgen begrenzt, jedoch wurden - bei
Weber nicht unüblich - später einzelne Motive erneut nachgedruckt.
Angeregt von der vielbeachteten Ausstellung „Preußen - Versuch einer
Bilanz“ im Kunstgewerbemuseum Berlin schuf Weber 1980 eine kleine
Reihe von Blättern über den Untergang von Preußens Glanz und
Gloria.(Anm. 40) So zeigt das Blatt „Der tote Adler“ das preußische
Wappentier, welches von Wilhelm II. und Hitler auf einer Bahre an
den Gemälden einer Ahnengalerie vorbeigetragen wird, von denen aus
Friedrich Wilhelm I. und der „Alte Fritz“ über das verspielte Erbe
schimpfen. Das Blatt wurde im „Kritischen Kalender 1981“ abgedruckt,
der nach Webers Tod erschien.
Eine heitere Folge von acht Lithographien für die
Griffelkunst-Vereinigung zeigte den Alltag der Igel „Aus
Igelhausen“. Aufgrund der großen Nachfrage wurde fast jedes der
Motive in der hohen Auflage von 800 Stück gedruckt. Auch das Motiv
des Igels zog sich durch das Lebenswerk. In den 50er Jahren war der
Igel Ausgangspunkt für die Tierbilder, in den 20er Jahren hatte
Weber sogar mit einem kleinen Igel-Symbol signiert.
Bis ins letzte Jahr hinein war das Leben Webers von seiner Arbeit
bestimmt. Der Fotograf Wolfram Venohr, der mit ihm eng
zusammenarbeitete und bleibende Aufnahmen des Künstlers schuf (Abb.
363), schrieb 1980: „Alles, was Weber umgibt und was ihm zufällt,
dient mittelbar oder unmittelbar der Produktion und ihrer
Verbreitung. Das Wohnzimmer ist gleichzeitig Werkstatt,
Empfangssalon und Bilderlager. Im Ausstellungsraum wird geschlafen.
Der Keller mit seinen zahlreichen Abseiten und Gelassen beherbergt
die Druckerpresse und dient als Asservatenkammer für die
Kalkschiefersteine. Und das Badezimmer mußte sich eine Umeignung zur
Steinschleiferei gefallen lassen - die Wanne mit verbrauchten
Steinen vollgeklotzt und jede Ablagemöglichkeit mit Säureflaschen
und Schmirgelbüchsen besetzt.“(Anm. 41)
1979 besuchte der Redakteur der „Nürnberger Nachrichten“ Walter
Gallasch Weber in Groß-Schretstaken: „Mitten im Ort, fern der Welt,
liegt das rote Ziegelhaus, abgeschirmt durch mächtige grüne
Laubkronen, verdeckt von der uralten Rosenhecke am Ende des schmalen
Weges. Dahinter der Garten mit Obstbäumen, Birken und dem kleinen
Teich, der allmählich verlandet. Dieses schlanke Schilf, diese
üppigen, huflattichartigen Blätter, dieser schier undurchdringliche
Dschungel aus dem, was Menschen Unkraut nennen - wie oft mag er es
gezeichnet haben, mit Blei, der Rohrfeder. Diese im Saft stehenden
Landschaften aus wucherndem Gras, Binsen und Gerank - sie sind auf
seinen Bildern niemals Kulisse, sondern mitwirkend, wesentlicher
Bestandteil, Mitträger dessen, was zu sagen war, zu sagen ist. ...
Um jede ‘anerkannte Säule der Kunst’ summt ein stattlicher Schwarm
von Scheinfreunden und Schulterklopfern. Weber hat sich - nach
Meinung des Verfassers - oft ein wenig schwergetan, Freunde von
Karrieristen zu unterscheiden. Kein Wunder, daß er sich im Laufe
seines Lebens mit nicht gerade wenigen zerstritt, sobald er ihre
Motive durchschaut zu haben glaubte, und nicht selten waren die
Anlässe minimal. APW ist, soweit es nicht sein Schaffen betrifft,
unsystematisch, hält sich lang mit Nebensächlichkeiten auf, läßt
sich ablenken, kann unangemeldeten Besuchern gegenüber nicht nein
sagen, schlägt auch gewagte Bitten nicht ab, verschenkt Stunden.
Etliche Typen, die er in satirischer Absicht gezeichnet hat, sind
ihm leibhaftig begegnet und um ihn herum gewesen, ohne daß er ihre
Art erkannt und sie abgeschüttelt hat. Nicht wenige erhofften sich
nun, da er ein Arrivierter war, durch Interpretation seines Werkes,
durch Management oder sehr späte Förderung ein Stück
Unsterblichkeit, oder, wenn schon nicht dies, dann doch immerhin die
Aura des Esoterikers. ... Er liegt im Gras, liest Zeitungen; sitzt
auf einem Stein, der sich wie der Rücken einer Riesenschildkröte aus
der Wiese erhebt, läßt sich von der Sonne bescheinen, raucht, redet,
hört zu. Keine Hast, kein Gestikulieren, nicht das geringste Zeichen
der Eile, der Ungeduld. Später, im Haus, steigt er über die
mächtigen Stapel von Lithographien hinweg, die überall auf den
Fußböden liegen, nimmt ein Blatt auf, erklärt auf Befragen das
Motiv, das ihn zur Zeichnung veranlaßt hat. Ein Bild wird, weil ohne
Titel, mißverstanden. Keine Aufregung beim Schöpfer; nein, so sei
das nicht gemeint gewesen, denn ... und deshalb ... eher wohl doch
...
Eine Suppe zu Mittag, der Besucher möchte die Zeit anhalten, nutzen,
versucht zwischen Gemüse und Kuchen eine gewagte Definition der
Aussagekraft einer bestimmten Lithographie, hofft vergeblich auf
schlüssige Antwort, stellt die alberne Frage nach der
Qualitätshierarchie im Gesamtverk Webers, erntet die Gegenfrage, ob
man nicht noch einen Löffel Suppe ..., gibt übereifrig ein Urteil
ab, wartet, ungeduldig auf der Kante des Stuhles wippend, auf eine
Erwiderung. Ah ja? sagt Weber. Dann nimmt er einen Haufen Zeitungen
unter den Arm und will noch zwei Mittagsstunden lang sich im Garten
die Sonne „auf den Pelz brennen“ lassen. Der Gast, den die verlorene
Minute reut, macht sich indessen mit Erlaubnis daran, Stapel um
Stapel der Lithos durchzusehen, und er findet auch eine lang
vermisste Handzeichnung darunter und dieses Blatt, das er schon
immer haben wollte und jenes, nach dem er schon Jahre gesucht hat
und noch eins, das ihn hinreißt, und er legt sie alle auf einen Stoß
und ordnet, Pedant, der er ist, die einzelnen Stöße ein bißchen nach
Entstehungszeit und sieht bald ein, daß er Sisyphos gleicht, denn
der Meister, vom Sonnenbade zurück, zerteilt im Zeigen interessanter
Blätter die Haufen und türmt sie neu, nach Gesetzen, die nur ihm
bekannt sind - vielleicht.
Worüber hat man gesprochen an diesem Tag? Über Bilder, gewiß. Aber
über weit mehr, und kann die Themen doch nicht benennen. Darüber
auch, daß das Käuzchen im nahen Baum noch manchmal ruft, daß die
große Fichte am Rondell gefällt werden mußte, weil sie morsch war,
daß die Wasserhühner nicht mehr kommen und brüten. Und über vieles
andere, aber in Worte fassen kann man es nicht. Es war alles so
zwanglos, so unaufdringlich, so nebenbei. Gespräche ohne feste
Ziele, ohne Pläne - eine Atmosphäre zum Atemholen, zum tief
Atemholen. Der Alte dort in seinem Bau - wieviele Leute sind nachts
erst weggegangen, obwohl sie nur ein paar Stunden bleiben wollten,
vor allem um seinetwillen, wieviele haben sich, schon bei der
Abfahrt, gewünscht, wiederkommen zu können, bald? Er sagt ein paar
Worte zum Abschied, winkt. ... Ist er froh, daß der Besuch gegangen
ist, daß er zu seiner Arbeit kommt, die ihn am Leben hält?
Gelegentlich muß man ihm diese Frage stellen, beim nächsten Mal.
Nein, wird er nach einer Pause sagen, nein, ich habe ja Zeit.“(Anm.
42)
Medizinkritische Bilder für den „Spiegel“
Im Todesjahr 1980 zeigte der Künstler noch einmal seine große
satirische Begabung: Er schuf acht Lithographien als Illustrationen
zu einem medizin-kritischen Artikel „Begrabene Illusionen. Die
Ohnmacht der modernen Medizin“ von Hans Halter im Nachrichtenmagazin
„Der Spiegel“. Eine ältere Lithographie von 1955 kam hinzu, die
einen Esel im Arztkittel zeigte, der, auf Büchern stehend, von einem
Reigen aus kleinen Skeletten umtanzt wird. Das Motiv ging auf eine
Radierung Goyas aus den „Caprichos“ zurück - der Esel galt als
Sinnbild der Dummheit und Ignoranz. Halter begann seinen 37seitigen,
auf vier Ausgaben verteilten Artikel mit einer Passage über Weber:
„Irgendwann in den zwanziger Jahren, lang ist’s her, brauchte der
Zeichner A. Paul Weber einen Arzt. Damals irritierte den Künstler
ein ganzes Potpourri lästiger Symptome, vor allem nervöse
Reizbarkeit. Weber fand einen Medikus [= Emil Stramke], der gut
zuhören konnte und der nebenbei in kleinen dunklen Flaschen enorm
verdünnte Arzneien schüttelte, bei denen nur der Glaube hilft. Das
Prinzip Hoffnung half dem Küntsler rasch wieder auf die Beine.
Diesem Mann hielt Weber seither die Treue. Ein Photo des Freundes
steht auf dem Kaminsims. Es ist dunkel geworden durch den Rauch und
Zeit. Der Freund ist schon lange tot. In den letzten Jahrzehnten hat
Andreas Paul Weber kaum einen Arzt konsultiert. Nicht nach
Schutzhaft noch Gefängnis, weder vorsorglich noch der Früherkennung
zuliebe. Wenn er wirklich einen Rat braucht, fragt er neuerdings den
Professor Julius Hackethal. Der praktiziert nahebei in Lauenburg an
der Elbe. Mit ihm, der sanft ist zu den Kranken und rüde zu den
Ärzten, verbindet A. Paul Weber, 86, die gleiche kritische Sicht:
Den ganzen Medizinbetrieb hat Weber seit 70 Jahren fest im Blick,
denn der interessiert ihn durchaus. Nur von den Früchten will er
nicht naschen.
Gesund und munter schleppt der alte Mann Tag für Tag die schweren
Steine, die ein Lithograph braucht, vom Keller seines Hauses - wo
die Presse steht - treppauf ins Badezimmer. ...“
Stets hatte sich Weber kritisch mit der Schulmedizin
auseinandergesetzt und für einen menschlicheren Umgang mit dem
Patienten plädiert.(Anm. 43) So zeigt das Blatt „Flucht aus dem
Krankenhaus“ einen Patienten, der durch das Fenster aus dem
Operationssaal springt (Abb. 364).
Weber schwor auf die von der Schulmedizin abgelehnte Augen-Diagnose
(Iris-Diagnose), die sein Freund, der Heilpraktiker Emil Stramke
angewandt hatte. Der Künstler glaubte seine andauernde
Schaffenskraft dessen Heilkunst zu verdanken, der - so Weber - „den
ganzen Menschen behandelte, nicht immer so Einzelteile ...“(Anm. 44)
Seit der Zeit im Johannes-Stift in Berlin-Spandau war die gesamte
Familie bei Stramke in Behandlung. Wie wichtig ihm die Person des
Freundes war, zeigt der Umstand, daß Weber ihm das geplante große
Lithographie-Verzeichnis widmen wollte. Auch schuf er drei
Glasgemälde mit medizinkritischen Themen für das Wohnhaus Stramkes
in Überlingen.
Nach dessen Tod befreundete sich der Künstler mit dem Mediziner
Julius Hackethal(Anm. 45), der ihm 1978 sein Buch „Keine Angst vor
Krebs“ widmete: „A. Paul Weber, dem begnadeten Kritiker ärztlicher
Rabiatstrategie.“ Auch Hackethal stand der Schulmedizin unbequem
kritisch gegenüber.
Das mit einer Graphik Webers geplante Titelblatt des
Nachrichtenmagazins (Abb. 365) mußte wegen aktueller politischer
Ereignisse - dem Streik polnischer Arbeiter - geändert werden. In
der Nr.34 vom 18.8.1980 erschien eine „Hausmitteilung“, die den
zurückgezogenen Titel sowie zwei weitere Graphiken Webers, darunter
den „Kauz“, abbildete. Darin hieß es: „Als SPIEGEL-Redakteur Rolf S.
Müller, einer der beiden Chefs des Wissenschafts-Ressorts, am
letzten Freitag zur üblichen 10-Uhr-Konferenz der Ressortleiter in
die Chefredaktion kam, ahnte er, was passieren würde: Die
Titelgeschichte „Begrabene Illusionen“ ... konnte nicht als
SPIEGEL-Titel angekündigt werden. Die Ereignisse in Polen liessen
keine Wahl zu.
Es ist nicht das erstemal, dass im SPIEGEL zwei Titelgeschichten
erscheinen, schon oft hat sich die Politik zwischen alle Planungen
gedrängt. Ärgerlich war nur, dass diesmal das vorgesehene Titelbild
von einem Zeichner stammt, der es wie kein anderer versteht, die
Alpträume unserer Wirklichkeit zu beschwören: A. (Andreas) Paul
Weber. Fast zwei Jahre lang hatte der SPIEGEL mit Weber
korrespondiert und telephoniert. Müller, sein Mitchef Jürgen
Petermann und SPIEGEL-Reporter Hans Halter, approbierter Arzt,
hatten den 86jährigen Weber in seinem Haus in Schretstaken, nahe der
Eulenspiegel-Stadt Mölln, besucht, hatten ihm Exposés und
Manuskripte der SPIEGEL-Serie geschickt, bis Weber im Frühjahr
dieses Jahres nicht nur ein Titelbild, sondern auch eine ganze Reihe
von Blättern zu diesem Thema für den SPIEGEL zeichnete. ...“
Der Versuch einer Biographie durch Peter Rühmkorf
Im selben Jahr sollte der Schriftsteller Peter Rühmkorf, den
Weber seit den 50er Jahren gut kannte, auf Wunsch des Künstlers hin
ein längeres, biographisches Vorwort zu einem bei der Büchergilde
Gutenberg geplanten Buch verfassen. Hierzu fanden zahlreiche
Gespräche statt, in denen Weber aus seinem Leben berichtete (Abb.
366). Rühmkorf setzte dies in die ihm eigene Sprache und Sichtweise
um, schickte ihm ein Manuskript(Anm. 46) und schrieb am 13.1.1980
hoffnungsvoll: „ ... hier also Ihr in der gebotenen Eile unzulässig
verkürztes Leben nebst allen individualitätsverschleifenden
Abstraktionen. Aber - wie gesagt - die Wahrheit ist ein
Kunstgebilde, das einleuchtet. Ob es auch Ihnen einleuchtet, bleibt
eine quälende Frage für Sie ... ich kann nur hoffen, daß diese
sinnvolle Konstruktion Sie nicht allzusehr zwackt und jückt und
scheuert. ... Muß ja auch abwarten, wo Sie selbst noch aufbegehren.“
Weber begehrte auf und versah das Manuskript mit zahlreichen
Anmerkungen und Streichungen. So hatte Rühmkorf geschrieben: „Was er
immer gesucht hat, und mit zunehmenden Jahren vielleicht besonders
dringend sucht, ist der Anklang bei jugendlichen Ausscherern,
Sondergängern, Unmutsträgern; Normabweichern ...“ Weber schrieb hier
an den Rand: „Unterstellung!“ Einen Absatz über seine
gesundheitlichen Probleme mit einer leicht ironischen Bemerkung über
Webers tiefes Vertrauen zu dem Heilpraktiker Stramke („seine
Vorliebe für wundersame Heilige ...“) strich Weber ganz und schrieb
an den Rand: „Auf keinen Fall so.“
Besonders wörtliche Zitate, in denen Rühmkorf Webers farbige Sprache
herauszuarbeiten suchte, wenn er sich über Kränkungen ereiferte,
fanden - derart in Schrift verewigt - nicht die Zustimmung des
Künstlers. Die treffende Schilderung eines ungeliebten
Porträt-Auftrages im Jahre 1930 strich Weber vollständig aus dem
Manuskript: „Wie ungern er seine sprechenden Bilder noch einem mit
Worten erklärt, so unbefangen äußert er sich im übrigen zu ihrem
privaten Vorleben und ihren gesellschaftlichen Begleiterscheinungen.
Zum Beispiel zu der ersten und dann auch bald der letzten Begegnung
mit dem dichtenden Baron von Münchhausen. Börries von Münchhausen,
Herr auf Windischleuba und seinerzeit wohl der angesehenste
Reimeschmied des deutschen Kulturkonservativismus, hatte das
aufstrebende Maltalent in seine Residenz zitiert und erwartete sich
ein seinem eigenen Range angemessenes Ölporträt. Leider hatte der
prompt herangeeilte Weber - ein Hans im Glück, immer wieder zugleich
ein etwas unglückseliger Hans Huckebein - das für die Auflichtung
von Fleischtönen so hochnotwendige Kremserweiß vergessen, was den zu
einer schnellen Entscheidung Gedrängten ziemlich unverfroren zu dem
schweflichten Neapel-Gelb greifen ließ. Das Wort „Neapel-Gelb“
assoziiert in Webers hintergründig verschmitzter Vortragsart
sogleich einen Anflug von Gewitterstimmung und, in der Tat, wo schon
der erste Ton nicht richtig stimmt, kann sich die Sitzung nur zur
Szene steigern. Der Baron - „die Hände in den Taschen wie ein
amerikanischer Großschlächter“ - mag sich in dem abgeschilderten
Schlotbaron partout nicht wiedererkennen und weist den Maler an,
gewisse Korrekturen vorzunehmen. ‘Wissen Sie’, mokiert sich der
Porträtist heute in seiner eigenen und unverwechselbaren
Ätzungsweise - ‘Wissen Sie, der Mann hatte eine ganz violette
Fresse, beinahe wie’n Mandrill. Und während der Sitzung lief ihm
dann der Schweiß herunter und damit der ganze dick aufgetragene
Puder, und das Gesicht wurde zusehends violetter und blaustichiger.
Und er hatte sonen patschenden Mund, sone richtige
Schlabberschnauze, und dagegen stand dann oben dieser Stehbims hoch,
so hellrote Igelstoppeln, sah zum Kotzen aus ... jedenfalls, weil er
sich nicht gefiel auf meinem Bild, hab ich ihm die Hände einfach
wieder aus den Taschen gezogen, zuerst übermalt und dann noch einmal
neu gepinselt wie er sie gern haben wollte, affektiert bis zum
Gehtnichtmehr, den dicken Goldring dran und die Meerschaumspitze
zwischen den Fingern - Nee, wissen Sie, diese eitle Pose mit der
Hand, das hat mich einfach abgestoßen.’ Die Pointe kommt allerdings
erst noch, der von dem abgestoßenen Auftragsmaler frei gesetzte
Knalleffekt. Auf die Frage, wo das Bild vielleicht zu besichtigen
sei, weist Weber grienend auf ein Konterfei seines ehemaligen
Nachbarn Walther von Hollander: ‘Da hat es mal gehangen.’ Najaschön
- aber jetzt? Weber räuspert sich zart, legt, um die Spannung des
Zuhörers zu schüren, ein paar Scheite in den Kamin (‘Darüber habe
ich immer mal ne Schrift verfassen wollen, wie man das Holz richtig
schichtet’), geht summend, pfeifend, suchend im Zimmer auf und ab,
blättert in Mappen, findet längst verloren geglaubte Blätter wieder,
mischt sich im lässigen Nebenhin seinen Mitternachtsmet und sagt
dann unvermittelt: ‘Das hab ich zu Kompost verarbeitet.’ Zu Kompost?
Die entgeisterte Frage scheint freilich nicht so unerwartet, wie
sich die Antwort hinauszögert: ‘Ja, wissen Sie - da hat er eines
schönen Tages Anspruch auf das Bild erhoben; hat es für sich haben
wollen, weil er es für sein Eigentum betrachtete; hat mir sogar
durch seinen Rechtsanwalt ein Schreiben schicken lassen, daß ich ihm
das Gemälde zu überstellen hätte, bis zum soundsovielten; na, und
als ich ihm dann ne geharnischte Antwort hingepfeffert habe, hat er
mir schließlich noch ne Lehrerin ins Haus geschickt, sone ganz
tückische, die da herumgesäuselt hat, ich möchte ihm das Porträt
aushändigen - na, und da habe ich mir kurzentschlossen das Bild
hergenommen und es auf meinen Düngerhaufen hingebreitet - da standen
die Tujabäume links so majestätisch und von rechts her lief die
lange Pappelreihe darauf zu - und dann habe ich einfach Feuer an das
Bild gelegt und ein Autodafé veranstaltet. Nee, wissen Sie, der
vermögende Mann mit seinem Riesenbesitz; hätte mir doch wenigstens
‘n reelles Angebot machen können; ich war doch damals so ein armes
Schwein, solch ein armer Schlucker.’“
Weber teilte Rühmkorf seine Korrekturen am Text mit und dieser
antwortete am 28.1.1980: „Es war eine große Anstrengung für mich,
aus Hunderten von disparaten Anekdoten ein zusammenhängendes
Sinngebilde zu komponieren - indes, es ist m e i n e Komposition und
ich kann mir da nicht grundsätzlich reinzeichnen lassen. ... Eins
vielleicht noch: wenn ich Ihnen am Telefon sagte, ‘sowas ist mir ja
noch nie passiert’, dann stimmt das (bei genügend weitem Rückblick)
doch nicht so ganz. Erinnere mich, daß ich ja schon mal ne
Borchert-Monografie geschrieben habe und daß dann bei Erscheinen die
gesamte Verwandtschaft aufschrie, weil das Denkmal sie auf einmal
von einer ganz unbekannten Seite ankuckte. Erst später merkten sie,
daß der bereits verdämmernde Mythos noch mal neu beatmet worden war,
na, und da atmete alles wieder auf und durch - aber ich will Sie zu
nichts bequatschen; ich hatte gehofft, Ihr Bildnis würde Ihnen (nach
ein paar Malen kräftigen Durchschluckens) gefallen, auch wenn ich
das auf Anhieb gefällige Kremser-Weiß nicht in meiner Palette
hatte.“
Weber hielt es daraufhin für besser, „wenn wir uns jetzt gegenseitig
aus dem Vertrag ... entlassen.“(Anm. 47)
Am Lebensende
Im Spätsommer und im Oktober 1980 erlitt Weber Schlaganfälle,
wobei der zweite zu einer Lähmung des rechten Armes führte. Am
27.10.1980 stellte sein Arzt Julius Hackethal „Entkräftung und
Austrocknung“ fest und verordnete: „Im Großen und Ganzen stark
schonen!“ Am 9. November verstarb Weber, wenige Tage nach dem 87.
Geburtstag, in seinem Haus in Groß-Schretstaken.
Im Ratzeburger Dom fand am 14.11.1980 eine Trauerfeier statt.
Bischof Hermann Kunst, der 1.Vorsitzende der A. Paul
Weber-Gesellschaft, führte in seiner Predigt aus: „Keiner von uns
wird vergessen, wie bei Andreas Paul Weber Person und Werk
zusammengehörten. Er hat zwar ein unerhört erfülltes, aber auch
schweres, bescheidenes, entsagungsvolles Leben geführt,
anspruchsvoll nur in seiner Arbeit. ... Er schrieb keine Bücher und
hielt keine Vorträge. Wie er sich verstand und was er meinte, sagte
er in seinen Bildern. Er hat die Menschen und die jeweilige
Zeitgeschichte nicht nur interessiert beobachtet, er hat seine
Bilder erlitten. Weil er wacher und tiefer als die meisten seiner
Zeitgenossen sah, weil er aus eigenem Erleben wußte, was Unverstand,
Existenzangst, demütigende Abhängigkeit, Unfreiheit und Sorge für
die kommenden Generationen sind, waren seine Bilder ein Zeugnis. Er
war der Richtigkeit seiner Aussagen gewiß, ob er über die
Verruchtheit, die Anwendung von Gewalt haben kann, über die
Bedrohung der Eigenständigkeit, der Würde und Freiheit des
Einzelnen, über den wie zwanghaft erscheinenden hemmungslosen
Beutezug in der Natur oder über die Verwüstung des Menschen durch
Lebensgier in vielerlei Gestalt in seinen Bildern sprach.“
Auf Webers Wunsch fand seine Urne - zusammen mit der seiner Frau -
die letzte Ruhestätte im Garten „seines“ Museums in Ratzeburg. Die
A. Paul Weber-Gesellschaft setzte ihrer Traueranzeige ein Wort von
Oscar Wilde voran: „Denn die höchste Kritik ist nichts anderes als
ein Erzählen von der eigenen Seele.“
An den Bildern A. Paul Webers schieden sich die Geister - und sie
werden es weiterhin tun. Einem Künstler kann nichts Besseres
passieren. Er war keiner der ganz Großen der Kunstgeschichte - aber
er war ein Künstler, der im faustischen Sinne „immer strebend sich
bemühte“, dem Leben nachzuspüren und der wie jeder Mensch Irrungen
und Wirrungen erlebte. Das macht ihn so vielfältig und bleibend
interessant, wenn andere Künstler längst wieder in der Versenkung
des sich wandelnden Zeitgeschmacks verschwunden sind. Die
Breitenwirkung seiner Werke beruht auf der Fähigkeit, zeitlose
Archetypen zu schaffen, die uns die Möglichkeit geben, eigene
Erfahrungen, Ängste und Wünsche darauf zu projizieren und
Situationen aus unserem eigenen Leben wiederzuerkennen und treffend
ausgedrückt zu finden - treffender, als wir selbst es könnten.
Manche von Webers Werken „sprechen uns aus der Seele“ - er
personifizierte die Dummheit im „Schlag ins Leere“, er gab dem
„Denunzianten“ ein Gesicht, sein „Gerücht“ ist auch heute noch das
Bild des Gerüchtes schlechthin und seine Quälgeister schlüpfen in
die Rollen unserer eigenen, die so oft unser Leben beschweren. Weber
hat das alles empfunden und ausgedrückt - darauf beruht sein Mythos.
Anhänger schätzen die Allgemeingültigkeit dieser Kunst, Gegner
sprechen von Beliebigkeit und Austauschbarkeit. Stets aber wird der
Satz von Peter Rühmkorf gelten, der über A. Paul Weber sagte:
„Dieser zog es vor, der Unruhestifter zu bleiben, als der er Ruhm
und Anfeindung reichlich geerntet hatte.“(Anm. 48)
Anmerkungen
(Anm. 01) 1971 ging die Herstellung an F. Bruckmann, München
über, der seit 1972 bis zum letzten Jahrgang 1981 als Verlag und
damit auch für das finanzielle Risiko verantwortlich zeichnete.
(Anm. 02) Brief von Weber an Otto Steckhan, 25.2.1962.
(Anm. 03) Brief von Weber an Clara Obermiller, 14.10.1963.
(Anm. 04) Brief von Weber an Marianne Waechter, 28.12.1963.
(Anm. 05) Brief von Weber an Hella Müller, 24.10.1975.
(Anm. 06) Brief von Weber an Otto Steckhan, 16.10.1964.
(Anm. 07) Brief von Weber an Günter Matthes, 29.1.1970.
(Anm. 08) Eugen Kogon (München 1903 - 1987). 1927 Promotion in Wien
über den „Korporativstaat des Faschismus“. 1938 Verhaftung, 1939-45
KZ Buchenwald. 1946 „Der SS Staat. Das System der deutschen
Konzentrationslager“; Mitherausgeber der „Frankfurter Hefte“.
1949-53 Präsident der Europa-Union in Deutschland. 1951-68 Professor
für wissenschaftliche Politik an der Technischen Hochschule
Darmstadt. Kogon publizierte zahlreiche, vieldiskutierte Essays und
Abhandlungen, darunter „Die geistige Krise Europas und die
weltlichen Ersatzreligionen Nationalismus und Totalitarismus“
(1953), „Die unvollendete Erneuerung Deutschlands“ (1964) und „Das
Vermächtnis des Widerstandes“ (1972).
(Anm. 09) Gespräch Günther Martins mit Helmut Schumacher, 3.12.1992.
(Anm. 10) Oberhessische Presse, 25.7.1961.
(Anm. 11) Die Kultur. 1960. Nr.148.
(Anm. 12) Erne Maier: Festvortrag „A. Paul Weber in seiner Zeit“.
Köln, 2.1.1993.
(Anm. 13) Brief von Weber an Werner Kreie, 29.11.1962.
(Anm. 14) Zum 85. Geburtstag ehrte ihn die Zeitschrift mit dem
Abdruck der Lithographie „Der Kauz“, eines Selbstbildnisses Webers,
und einer doppelseitigen Einlage mit der Ansicht von Arnstadt.
(Anm. 15) Recklinghäuser Zeitung, 3.10.1964.
(Anm. 16) Gerhard Helmut Schwabe: Nomadenaufbruch. A. Paul Weber zum
71.Geburtstag. 1964 (unveröffentlichtes
Manuskript), (Archiv des A.Paul Weber-Museums, Ratzeburg).
(Anm. 17) Neues Testament, Offenbarung 6, 1-8.
(Anm. 18) Niekisch wurde 1945 gelähmt und fast erblindet von der
Sowjetarmee aus dem Zuchthaus Brandenburg-Görden befreit, wo er nach
seiner Verurteilung durch die Nationalsozialisten inhaftiert war.
Heimkehr nach Berlin. Leitung der Volkshochschule Wilmersdorf.
Eintritt in die KPD. Nach deren Fusion mit der SPD Übernahme in die
SED. 1947 Dozent an der Humboldt-Universität in Ostberlin, dort
1948-54 Professur. 1948 Wahl in den Volksverfassungsausschuß des
2.Volkskongresses. 1950 Mitglied des Präsidiums im Nationalrat. 1952
vernichtende Besprechung seines Buches „Europäische Bilanz“ durch
Wilhelm Girnus. 1953 Niekisch interveniert nach dem 17.Juni bei der
sowjetischen Besatzungsmacht gegen Walter Ulbricht. Kaltstellung an
der Universität. 1954-67 erfolgloser Kampf um eine Entschädigung als
„Opfer des Faschismus“. Stirbt am 23.5.1967 in Berlin.
(Anm. 19) Das unvollendete Porträt (A. Paul Weber-Museum, Ratzeburg)
entstand im Oktober 1973 - also erst sechs Jahre nach dem Tod von
Niekisch.
(Anm. 20) Brief von Weber an Walter Hörstel, 4.9.1965.
(Anm. 21) Willi Kammerer: Interview mit A. Paul Weber. In: stimme
und weg. Nr.14.1967, S.4-8.
(Anm. 22) Brief von Weber an Ulrich Pflugstert, 27.1.1969.
(Anm. 23) 1984 erfolgte eine Ausgabe des Buches in der DDR.
(Anm. 24) Vgl. Grandville. Das gesamte Werk. Bd. 2. Herrsching o.J.,
Nr.965 ff.
(Anm. 25) Vgl. Günther Nicolin: Kunst zu Kafka. Bonn 1974, S.83.
(Anm. 26) Dorsch Lithographien, Nr.1263-1273.
(Anm. 27) Eugen Claassen (eigentl. Jewgenij Schmujlow) (1895 -
1955). 1917 deutsche Einbürgerung. 1925 Lektor, später Leiter des in
die Frankfurter Zeitung integrierten Societäts-Verlags. 1934
Mitbegründer und Geschäftsführer des H. Goverts Verlags. In der Zeit
des Nationalsozialismus Kontakt zu emigrierten Schriftstellern und
Verlegern, u. a. Hermann Broch, Joachim Maass, Max Tau und Gottfried
Bermann Fischer.
(Anm. 28) Nicolin Schachspieler, S.13.
(Anm. 29) Stern. 1971, Nr. 36.
(Anm. 30) Das A. Paul Weber-Museum in Ratzeburg bewahrt heute über
mehr als 5.000 Arbeiten Webers.
(Anm. 31) Satzung der A. Paul Weber-Gesellschaft, § 2.
(Anm. 32) Haarlem, Museum Het Huis Van Looy, 4.8. - 2.9.1956.
(Anm. 33) Eine Auflistung der Weber-Ausstellungen zu Lebzeiten des
Künstlers findet sich im Anhang.
(Anm. 34) Thomas Ayck: „Porträt: A. Paul Weber. Ich gebe keine
Rätsel auf.“ Gesendet am 26.2.1978 im NDR III.
(Anm. 35) Hans-Jürgen Wohlfahrt (Güstrow 1937, lebt in Ratzeburg).
1957-60 Bundeswehr, überwiegend bei der Stabsbildabteilung. 1960-62
Besuch einer Fotoschule in Hamburg; Volontariat und feste Anstellung
als Pressefotograf bei Conti Press. Seit 1963 freier Bildjournalist.
Beginn einer engen, freundschaftlichen Zusammenarbeit mit Weber. 100
Ausschnitte aus Handzeichnungen und Lithographien und „A. Paul
Weber. foto-grafisch“ sowie Text- und Fotobände zur lauenburgischen
Landschaft und Geschichte.
(Anm. 36) Vgl. Hans-Jürgen Wohlfahrt: A. Paul Weber. foto-grafisch.
Neumünster 1987.
(Anm. 37) Wohlfahrt a.a.O. (ohne Seitenzählung).
(Anm. 38) Peter Panther (Kurt Tucholsky). In: Vossische Zeitung,
29.6.1930.
(Anm. 39) Gemeint ist Fürst Karl Günther von
Schwarzburg-Sondershausen, der 1880-1909 in Thüringen regierte.
(Anm. 40) Vgl. Dorsch Lithographien, nach Nr.1963.
(Anm. 41) Wolfram Venohr: Berühmt, im Zweifelsfall politisch. In:
art. H.4. 1980, S.38 ff.
(Anm. 42) Walter Gallasch: Zeitlos in der Zeit. 1979, S. 1 ff.
(unveröffentlichtes Manuskript), (Archiv des A. Paul Weber-Museums,
Ratzeburg).
(Anm. 43) Vgl. zur Thematik: W. J. Bock und Klaus J. Dorsch: „ ...
und wie ist das Befinden?“ A. Paul Weber und die Medizin. Lübeck
1990.
(Anm. 44) Peter Rühmkorf: Der Zeichner A. Paul Weber. 1980, S. 22
(unveröffentlichtes Manuskript), (Archiv des A. Paul Weber-Museums,
Ratzeburg).
(Anm. 45) Julius Hackethal (Reinholterode/Eichsfeld 1921 - 1997
Bernau am Chiemsee). 1945 Promotion, 1956 Habilitation, 1959
Facharzt für Chirurgie. 1956-64 Oberarzt an der Chirurgischen
Universitätsklinik Erlangen/Nürnberg. 1962 Ernennung zum Professor.
Nach Haus- und Vorlesungsverbot verließ der streitbare Hackethal
Erlangen und wurde Chefarzt am Städtischen Krankenhaus in
Lauenburg/Elbe. Er hatte in spektakulärer Weise seinem Chef, einem
renommierten Thoraxchirurgen, vielfache „Kunstfehler“ vorgeworfen.
Hackethal suchte fortan die Rolle des Außenseiters und verstand es
wie kein Arzt zuvor, die Medien für seine Interessen zu
mobilisieren. 1974-79 eigene Praxisklinik für Chirurgie in
Lauenburg, später Regiearzt des Eubios-Zentrums am Chiemsee und seit
1989 eigene Eubios-Gutsparkklinik für Ganzheitsmedizin und
ausgewählte Chirurgie in Riedering/Spreng. In zahlreichen Büchern,
u.a. „Auf Messers Schneide“ (1976), übte Hackethal harsche Kritik an
der Chirurgie in deutschen Krankenhäusern. Der umstrittene Mediziner
erlangte größte Popularität, als er 1984 einer unheilbar Kranken
Sterbehilfe leistete.
(Anm. 46) Peter Rühmkorf: Der Zeichner A. Paul Weber. 1980
(unveröffentlichtes Manuskript), (Archiv des A.
Paul Weber-Museums, Ratzeburg).
(Anm. 47) Brief von Weber an Peter Rühmkorf, 12.2.1980.
(Anm. 48) Peter Rühmkorf: Nachwort zum „Kritischen Kalender 1959“.
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